9 | REZENSIONEN | 01.09.2021

Punk und Provinz

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VON NORMA SCHNEIDER

Tijan Sila
Krach
Kiepenheuer & Witsch, 2021, 272 Seiten
EUR 20,60 (AT), EUR 20,00 (DE), CHF 28,90 (CH)


Es sind die Neunziger, die sogenannten Baseballschlägerjahre. Punks prügeln sich mit Nazis, dazwischen ein paar verstrahlte Raver. Irgendwo in der westdeutschen Provinz liegt Calvusberg, von dem manche meinen, es sei »die asozialste Stadt Deutschlands«. Darauf sind die örtlichen Punks ein bisschen stolz. Sabahudin, den alle nur Gansi nennen, müsste eigentlich langsam mal anfangen, für das Abitur zu lernen. Aber er kümmert sich lieber um seine Punkband namens Pur Jus.

In Tijan Silas neuem Roman Krach geht es um die großen Gefühle: Freundschaft, Liebe, Hass – und Punkrock. Sila, der nicht nur Autor, sondern auch Gitarrist in einer Punkband ist, beschreibt liebevoll und witzig Gansis Leben zwischen Schule, Elternhaus, Proberaum und Konzerten in ranzigen autonomen Zentren. 

Gansi war zwei Jahre alt, als seine Familie aus Bosnien nach Deutschland kam. Unter den meist weißen deutschen Punks ist er mit diesem Hintergrund eine ziemliche Ausnahme. Er ist froh, nicht zurück nach Bosnien zu müssen, denn die deutsche Fremdenfeindlichkeit ist das kleinere Übel, wenn die Alternative heißt, »mit Mördern benachbart« zu sein. 

Herkunft und Identität sind Gansi aber nicht besonders wichtig und wenn andere eine große Sache daraus machen wollen, sagt er lieber: »Mein Volk sind die Coolen!« Coolness ist für ihn sowas wie die Essenz des Punkseins. Punk bedeutet zwar eigentlich, auf alles zu scheißen. Aber eben auch, gut angezogen zu sein. Provokation – aber bitte mit Stil. Zum Beispiel im örtlichen Club von Calvusberg: »Sich unter normale Leute zu mischen, gab einem die Chance, ein Pfau unter Truthähnen zu sein. Sie liebten unsere Frisuren, unsere Uniformen. Wir sahen aus wie eine Gang, die aus einem anderen Jahrzehnt in die Neunziger gestürzt war, aber man wusste nicht, ob dieses Jahrzehnt in der Vergangenheit oder der Zukunft lag.«

Es ist eine Freude, Gansis Beschreibungen und kreative Beleidigungen zu lesen. Die Mitglieder einer anderen Band bezeichnet er als »fremdschämige Hohlbrote, aber irgendwie auch ganz geil«, Österreicher sind für ihn »Gartenzwerge des Tätervolks«. Spießer würden Tijan Silas Stil wahrscheinlich »rotzig« nennen. Aber er kann mehr als witzige Provokation. Krach ist immer dann ernst, wenn es nötig ist, und manchmal sogar fast romantisch.

Die Stimmung der Konzerte, auf denen Bands mit Namen wie »Kot, Brot und Scheiße« spielen, fängt Sila treffend ein. In den besetzten Häusern und autonomen Zentren begegnen einem »der übliche Teppich aus Rattenkot, die übliche Palettenbühne, die übliche aus dem Leim gehende Sperrmüllcouch und die üblichen Stapel von Bierkisten«. 

Es könnte so schön sein, wären da nicht die brutalen Schlägereien nach den Konzerten. Mal fühlt sich irgendwer provoziert oder hat Lust, Stärke zu demonstrieren. Mal hat es eine Gruppe Nazis auf ein linkes Zentrum abgesehen und will ein paar Punks verprügeln. Auf Gansi wirkt das mit der Zeit wie ein Ritual, das sich ständig wiederholt – und immer weniger zu ihm passt. Auch in der Band kündigen sich Veränderungen an, und das, von dem er dachte, es würde immer so weitergehen, beginnt langsam zu verfallen.

Krach ist auch ein Buch über das Ende der Jugend, das man lange nicht kommen sieht und das dann plötzlich da ist mit der beängstigenden Frage nach den Zukunftsplänen. Ob Für immer Punk, wie Die Goldenen Zitronen sangen, eine ausreichende Antwort ist?