9 | REZENSIONEN | 01.09.2021

Rap und Restmüll

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VON ANDREA HEINZ

Angela Lehner 
2001
Hanser, 2021, 384 Seiten
EUR 24,70 (AT), EUR 24,00 (DE), CHF 32,00 (CH)


Es sind die klassischen Bestandteile einer Jugend in der landschaftlich attraktiven Provinz: grassierender Alkoholismus, touristischer Ausverkauf von Traditionen und Ökosystemen sowie berufliche wie spirituelle Perspektivlosigkeit, die Punkt eins und zwei dieser Liste noch weiter befeuert. So in etwa gestaltet sich das Panorama in Angela Lehners zweitem Roman 2001, der auf ihr einhellig gelobtes und tatsächlich großartiges Debüt Vater unser (2019) folgt. Wie im Erstling erzählt auch hier die Hauptfigur, die im fiktiven Skitourismusort Tal lebende Julia, nur bedingt zuverlässig, nicht zuletzt aufgrund ihres für einen Teenager recht stolzen Alkoholkonsums. Wobei sich am Land Aufgewachsene über weite Strecken der Lektüre nichts Böses denken werden – die Ernsthaftigkeit und Traurigkeit der Situation entfaltet sich erst langsam in dieser Geschichte.

Das liegt nicht zuletzt an der flapsigen, emotionslosen Erzählstimme Julias, die, durchaus gesegnet mit genauer Beobachtungsgabe und scharfem Verstand, andere gerne abwertet und Ereignisse, auch bedrohliche oder verletzende, kleinredet. Alles halb so wild, sagt ihre Sprache, sie ist ihr Panzer gegen eine feindliche Welt, in der sie als »Klumpert« oder »Wuchtl« bezeichnet oder gleich ignoriert wird. Julia geht in die Hauptschule, ihre Klasse wird »Restmüll« genannt. Ihre Freundinnen und Freunde, »die Crew«, sprechen sich gegenseitig als »Homo«, »Mongo« oder »Bitch« an. Ansonsten lässt Julia niemanden an sich heran, von den meisten in ihrer Schulklasse weiß sie nicht mal den Namen. Sie hat ein Faible für Rap, weshalb sie in der Englischstunde der Star ist, denn sie kann alle Texte auswendig. Ansonsten häufen sich eher die Fünfen in ihrem Zeugnis, was allen anderen Sorgen bereitet, Julia aber herzlich egal ist – sie will sowieso Rapstar werden. Sie lebt scheinbar alleine mit ihrem Bruder Michael, der aufs Gymnasium geht, außer ihm kümmert sich niemand um Julia, und auch er will weg aus Tal, zum Studieren und in ein neues Leben. Julia und er sind arm, das merkt man nicht nur an ihrem Speiseplan, sondern auch daran, dass Julia ihn mit dem Bürostuhl in die Schule rollt, als er aufgrund einer Beinverletzung nicht laufen kann.


WÖRTER: 477

LESEZEIT : 3 MINUTEN

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