N°2REZENSIONEN | 01.02.21

Rauch, Freundschaft, Übergriffe, Glück

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VON BENJAMIN OPRATKO

Stefanie Sargnagel
DICHT
Aufzeichnungen einer Tagediebin
Rowohlt, 2020, 256 Seiten
EUR 20,60 (AT), EUR 20,00 (DE),
CHF 28,90 (CH)

Die Zeichnerin, Autorin und Künstlerin Stefanie Sargnagel ist bislang als Meisterin der knappen Form in Erscheinung getreten. Ihre Facebook-Postings zwischen Alltagsgeschichten und Alki-Aphorismen machten sie Anfang der 2010er Jahre zum Wiener Geheimtipp, 2015 erschienen erstmals ausgewählte Online-Schnipsel im Buch Binge Living. Es folgten drei weitere Sammlungen von Statusmeldungen, Aufträge als Illustratorin, die Erlösung von der Lohnarbeit im Callcenter, die Gründung einer feministischen Burschenschaft, Reportagen. Von FPÖ-Wahlkämpfen, Marokko-Urlauben und dem Münchner Oktoberfest berichtete sie als wäre der Geist von David Foster Wallace in Toni Spira eingefahren und hätte sich ein Ottakringer aufgemacht. Dass als Nächstes ein Roman kommt, war zu erwarten, dass er gekommen ist, ist untypisch konventionell für Sargnagels Arbeit. In character ist wiederum, dass sie die Erwartungshaltung und den Umgang damit gleich zu Beginn in einem »Kein Prolog« betitelten Prolog selbst anspricht, in Form eines Dialogs, in dem sie gefragt wird, ob sie denn nun bereit wäre, einen längeren Fließtext zu schreiben. Sie war es.

Dicht ist eine Coming-of-Age-Geschichte im Nordwesten Wiens um die Jahrtausendwende. Wie bei ihren Zeichnungen, die im MS-Paint-Stil mit jedem Pixel einen Layer Witz vermitteln, ist Stefanie Sargnagels Sprache vordergründig einfach. Nicht trotz, sondern wegen des bisweilen an Erlebnisaufsätze erinnernden Stils entstehen Sog, Schmäh und Atmosphäre. In den besten Momenten werden versoffene Tage in Trinkerstätten und Open-House-Gemeindewohnungen riechbar. Ungewaschene Haare, Asche, ungeöffnete Fenster, Dosenbier, Wuzeltabak. Rauch, Rauch, Rauch. 

Zu Beginn des Buches ist die Ich-Erzählerin Steffi Schülerin, die Geschichte setzt ein, als der »spaßige, also autonomere Teil der Jugend begann«. Der entfernt sie zunehmend vom Schulbetrieb, an die Stelle der Bildungseinrichtung tritt die Stadt, an jene des Unterrichts das, was in Wien Strawanzen genannt wird, zielloses Umherschweifen, Abhängen mit Leuten, die manchmal Freunde werden und manchmal nicht. Kern der entstehenden Clique und eigentlicher Angelpunkt des Romans ist Michi, ein HIV-positiver Eulenspiegel, dessen Wohnung zum Basislager für Schulschwänzerinnen und Lebenskünstler aller Altersklassen wird. Am Ende wird die Protagonistin das Gymnasium abbrechen, ein Georg-Kreisler-Lied am offenen Grab gesungen und eine Idee davon gewonnen werden, wie im Leben Glück aussehen könnte. Dazwischen liegen Geschichten und Anekdoten und zahlreiche Menschen ohne Nachnamen. 

Das Buch lässt sich mit nostalgischer Freude lesen, wenn man wie der Rezensent in gleicher Generation, in derselben Stadt und in ähnlichen Milieus aufgewachsen ist. Es darauf zu reduzieren aber wäre eine vertane Chance. Denn dicht unter der Oberfläche liegen Klugheiten, die nur gute Prosa vermitteln kann. Darüber, wie so etwas wie Familie aus gewählten und zugefallenen Verbindungen entstehen kann. Über die Kunst, mit Witz und Würde soziale Milieus zu porträtieren, die nur vom Zentrum der kapitalistischen Leistungsgesellschaft aus gesehen am Rand existieren. Oder darüber, wie eine junge Tagediebin im Alltag oft bloß ein Dosenbier in Männerhänden vom sexuellen Übergriff entfernt ist. In einer wie nebenbei erzählten Schlüsselszene schreibt Sargnagel von der »Mischung aus Anmache und gleichzeitiger Demütigung« in nächtlichen Bars, »gewohntes männliches Verhalten, das ich noch nicht mal analysiert hatte, sondern als gegeben vorfand. Ich hatte damals dafür noch kein Vokabular.« Die Jugenderinnerungen der Künstlerin Sargnagel sind auch ein Selbstportrait der Feministin als junge Frau. Sie hat ihr Vokabular längst gefunden.