N°3REZENSIONEN | 27.02.20

Risse im kapitalistischen Realismus

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VON NINA BANDI

Mark Fisher
K-PUNK
Ausgewählte Schriften (2004–2016) Aus dem Englischen von Robert Zwarg, mit einem Vorwort von Simon Reynolds Edition Tiamat, 2020, 624 Seiten
EUR 32,90 (AT), EUR 32,00 (DE),
CHF 41,90 (CH)

Im deutschen Sprachraum wurde Mark Fisher durch sein 2009 erschienenes und 2013 auf Deutsch übersetztes Buch Capitalist Realism bekannt. Im Nachgang der Finanzkrise war sein Versuch, die Dynamiken und Widersprüche des immer dichter werdenden Nebels der Alternativlosigkeit zum herrschenden kapitalistischen System zu erfassen, auf viel Interesse gestoßen.Weit weniger bekannt ist sein Blog k-punk, auf dem er von 2003 bis 2016 Beiträge veröffentlichte. Der Blog – K anstatt C von Cyber, Punk als Verweis auf ein »Zusammentreffen jenseits legitimer bzw. legitimierter Räume« – sollte eine Diskussionskultur abseits von etablierten Musikzeitschriften und akademischen Diskursen aufgreifen und befördern. 


WÖRTER: 400

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2018 bei dem von Mark Fisher mitbegründeten Verlag Repeater Books in London erschienen, hat die kleine Edition Tiamat nun eine überzeugende Übersetzung herausgebracht. In dem Band, der neben Blogbeiträgen auch über die Jahre entstandene und in Magazinen veröffentliche Texte sowie unveröffentlichte Manuskripte umfasst, lassen sich auf 600 Seiten von den frühen 2000er Jahren bis zum Brexit die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen in ständigem Widerstreit mit Musik, Literatur, Film, und Fernsehen nachverfolgen. Die prekären Arbeitsverhältnisse im Post-Fordismus, die Privatisierung von Stress und Depression, die Hoffnungslosigkeit im kapitalistischen Parlamentarismus sind ebenso Themen wie die »unreduzierbare Künstlichkeit des britischen Pop« von Moloko bis James Blake, Filme von Shining bis zu Der Untergang und Literatur von J. G. Ballard bis Margaret Atwood. 

Durch die Einbettung der kulturellen Erfahrung in politische Kontexte und die damit erreichte Denaturalisierung schafft es Fisher äußerst präzise, die Widersprüche, Komplexitäten und Absurditäten der teilweise schon fast vergangen erscheinenden Gegenwart herauszuarbeiten. Auch wenn dem Autor sein Pop-Dystopismus vorgehalten wird, so überrascht die Lektüre damit, dass die Risse im kapitalistischen Realismus gerade in den alltäglichen Realitäten erkennbar werden. 

Wieso ein Blog als Buch, ließe sich fragen. Es ist nicht nur die Tatsache, dass durch den Suizid Mark Fishers im Januar 2017 das Buch dem Geschriebenen, dem vermeintlich Flüchtigen – Fishers Blog ist immer noch im Netz aufrufbar – eine andere Form verleiht. Im letzten Kapitel, »Acid Communism«, der unvollendeten Einleitung für ein geplantes, aber nie fertiggestelltes Buchprojekt, versucht Fisher über einen Rückgriff auf die 1960er und 1970er Jahre dem »Gespenst einer Welt, die frei sein könnte«, auf die Beine zu helfen. Mark Fisher konnte das Vorhaben leider nicht vollenden, aber das Gespenst geht weiter um, und wartet darauf, wiederbelebt zu werden. 

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