N°2 REZENSIONEN | 30.01.20

Schauplatz im Kampf um Macht

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VON BARBARA EDER

Kristen R. Ghodsee

WARUM FRAUEN IM SOZIALISMUS BESSEREN SEX HABEN
Und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit
Suhrkamp, 2019, 277 Seiten
EUR 18,50 (AT), EUR 18,00 (DE),
CHF 25,90 (CH)


WÖRTER: 420

LESEZEIT :5 MINUTEN

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Die Frage danach, was Sexualitäten sind und wie man mit diesen emanzipativ umgehen könne, war innerhalb der politischen Linken – von einigen historischen Ausnahmefällen wie der 1968er- und der autonomen Frauen-/Lesbenbewegung abgesehen – eher eine Marginalie. Wo bislang das logische »Oder« vorherrschend war, fällt ein Zusammendenken von Sex und Linke immer noch schwer. Die Hürden, denen ein derartiger Versuch auch in theoretischer Hinsicht gewachsen sein müsste, scheinen für die Autorin des 2017 für die New York Times verfassten Aufsatzes Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex hatten hingegen kaum zu existieren. Kristen R. Ghodsee, Professorin für Russische und Osteuropäische Geschichte an der University of Pennsylvania, verlegt im kurz darauf erschienenen Buch den Sex im Sozialismus in die Gegenwart und dehnt den bereits im Essay angeschlagenen Plauderton auf 277 Seiten aus. 

Im Buch trinkt die Autorin in mondänen New Yorker Bars mit Börsenmaklern Wodka Martini – oder wandelt in der Erinnerung als ehemalige Rucksacktouristin durch das postsozialistische Bulgarien, Jugoslawien, Rumänien und Ungarn. Es versteht sich von selbst, dass »der Staatssozialismus« dabei kritisiert werden muss; auch darauf, dass die gesellschaftlichen und kulturellen Erwartungen an Frauen im ehemaligen Osteuropa andere waren, kann sich das amerikanische Durchschnittsbewusstsein schnell einigen. Trotz ausgedehnter Bilderreise durch die Galerie sozialistischer Vorkämpferinnen – im Buch finden sich nebst Fotos auch Kurzbiografien von Elena Lagdinowa bis Ana Pauker – ist Ghodsees Denken über Sexualität äußerst reduktionistisch. Sie geht davon aus, dass es sich dabei um ein körperliches Verhalten zwischen einer Frau und einem Mann handelt, wobei ersterer aufgrund ihrer ökonomischen Abhängigkeit im Kapitalismus der subordinierte Part zukommt. Im Sozialismus hingegen sei dies anders gewesen: Da es dort weder käuflichen Sex noch Abtreibungsverbote gab, mussten Männer ihre Fähigkeiten optimieren und Frauen konnten infolgedessen »besseren Sex« – was immer das auch heißen mag – einfordern. 

Unterfüttert wird Ghodsees Annahme durch diametral entgegengesetzte Theoriestränge, die sie gleichermaßen faszinieren: Zum einen die sexualökonomische Theorie neoklassischer Verhaltensforscherinnen, die von einer Wertsteigerung der Ware Sex unter Voraussetzung gesteigerter Nachfrage ausgehen, zum anderen die kommunistische Sexualmoral Alexandra Kollontais, die mit dem Übergang zum Sozialismus das Ende des Zur-Ware-Werdens der Verkäuferinnen jenes knappen und deshalb begehrten Gutes in Aussicht stellt. Ghodsee hinterfragt die neoklassische Markt-Konzeption ebenso wenig wie den unter kapitalistischen Verhältnissen fetischistisch aufgeladenen Begriff von Sex, der durchaus auch freudo-marxistisch ausdifferenziert werden hätte können. Dass der Sex besser sein kann, setzt voraus, dass er gut und begehrenswert ist – dieser Annahme hätten insbesondere die Gründungsmütter und -väter der Queer Theory einiges hinzuzufügen: nicht zuletzt die Erkenntnis, dass Sexualität ein Schauplatz im Kampf um Macht, Wissen und gesellschaftliche Normierung ist.

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