10 | REZENSIONEN | 01.10.2021

Schmerz und Arbeit

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Von Trautl Brandstaller

Karen Messing
Unsichtbare Schmerzen
Was die Wissenschaft über die Arbeit lernen kann von jenen, die sie verrichten
Bahoe Books, 2021, 256 Seiten
EUR 20,00 (AT), EUR 20,00 (DE), CHF 28,90 (CH)


Die ursprüngliche Idee der modernen Universität bestand darin, alles Wissen zu sammeln, um die Gesellschaften zu verbessern – eine Idee, die im Lauf der Jahrhunderte zahlreiche Wandlungen durchmachte: vom Rückzug in den Elfenbeinturm über die Gängelung durch totalitäre Systeme bis zur heute drohenden Abhängigkeit vom Markt.

Unter dem Titel Unsichtbare Schmerzen hat die kanadische Sozialforscherin Karen Messing Beispiele zusammengetragen, wie Wissenschaft Verbesserungen in der Arbeitswelt angeregt und in zahlreichen Fällen auch politisch durchgesetzt hat. Die Autorin verfasst dabei nicht nur theoretische Analysen der Arbeitswelt, sie ist selbst in den Betrieben unterwegs, spricht mit Arbeitern und Arbeiterinnen und wird bei Gewerkschaften und Behörden aktiv, um Missstände abzustellen. So berichtet sie von radioaktivem Staub in einer Phosphatraffinerie oder von gefährlichen Strahlungen in einer Radiologiestation eines Spitals. Sie kritisiert die schweren physischen Belastungen für Pfleger in Heimen ebenso wie die Gefahren für werdende Mütter, die als Kassiererinnen stundenlang stehen müssen, sie untersucht in Fabriken die Ursachen von Rücken- und Gelenkschmerzen und stellt fest, dass die Arbeitgeber die Anstrengungen der Arbeitnehmerinnen generell unterbewerten oder überhaupt ignorieren. Insbesondere bei Frauen werden Schmerzen meist als »emotionale Probleme« abgetan. Auch deshalb legt Messing ihren Fokus häufig auf die Frauen- und Gender-Thematik.

Messing selbst begann ihre Studien als Biochemikerin, an Arbeitsmedizin war sie zuerst wenig interessiert. Die Etablierung der Ergonomie in Frankreich Ende der 1960er Jahre weckte aber ihr Interesse. Als es zu Beginn der 1970er Jahre in Quebec zu Massenstreiks kam, stellte sie ihre eigene Empathielosigkeit infrage und begann, sich politisch zu engagieren. 


WÖRTER: 408

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