11 | REZENSIONEN | 03.11.2021

Schreiben als Begehren und Aufbegehren

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VON ANDREA HEINZ

Alba de Céspedes
Das verbotene Notizbuch
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Insel, 2021, 302 Seiten
EUR 24,70 (AT), EUR 24,00 (DE), CHF 33,90 (CH) 


Schreiben, das ist für Frauen noch immer mit einem gewissen Tabu belegt – und war es erst recht in den Nachkriegsjahren in einem erzkatholischen Land wie Italien. Und so erfährt die 43-jährige Angestellte, Ehefrau und Mutter Valeria, als sie eines schönen Spätherbsttages beim Zigarettenholen für ihren Mann dem spontanen Wunsch folgen möchte, ein Schreibheft zu kaufen: »Das geht nicht, das ist verboten.« So spricht es, als wäre er Marcel Reich-Ranicki höchstpersönlich und noch dazu »eine strenge Miene« aufsetzend, der Tabakhändler. Er sagt das freilich, weil vor der Tür ein Polizist steht, der überwacht, dass am Sonntag Tabak, und nur Tabak!, verkauft wird. Aber Valeria und mit ihr wir Leserinnen wissen, er hat recht: Ihr, als Frau, als Ehefrau und Mutter noch dazu, ist das Schreiben bei Strafe verboten. Deshalb schreibt sie fortan heimlich in das Heft, Das verbotene Notizbuch, wie der Roman auch in der sehr gelungenen, das etwas altmodische Italienisch wunderbar einfangenden Übersetzung von Verena von Koskull heißt.

Es ist ein Meisterwerk, ein Meilenstein feministischer europäischer Literatur – von dem man, wie von so vielen dieser Bücher von Frauen, viel zu lange nichts wusste. Dabei war Alba de Céspedes, in Rom geborene Tochter eines kubanischen Vaters und einer italienischen Mutter, zu ihrer Zeit beileibe keine unbekannte Autorin. Die New York Times bezeichnete sie etwa 1958 als »eine der wenigen renommierten Autorinnen, die sich wirkungsvoll damit auseinandersetzen, was es bedeutet, eine Frau zu sein«.


WÖRTER: 437

LESEZEIT : 3 MINUTEN

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