N5 | REZENSIONEN | 01.05.2021

Seitensprung in den Brechdurchfall

___________________

VONN ANDREA HEINZ



Rumena Bužarovska

Mein Mann

Stories

Aus dem Mazedonischen von Benjamin Langer

Suhrkamp, 2021, 171 Seiten

EUR 22,70 (AT), EUR 22,00 (DE), CHF 30,90 (CH)


Pünktlich zum Frauenkampftag am 8. März ist die Erzählsammlung Mein Mann der mazedonischen Autorin und Literaturwissenschafterin Rumena Bužarovska erschienen – und ein besseres Buch hätte man sich zu diesem Anlass kaum wünschen können. Kein Pop-Feminismus, sondern an den genuinen Kämpfen und Debatten der Frauenbewegung geschulte, vor allem aber bitterböse und komische Geschichten über das Leben von Frauen in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft (und eine andere gibt es ja leider nur in unseren Träumen).

In Osteuropa mag das noch deutlicher der Fall sein als in Mittel- und Westeuropa, trotzdem sind einer die Schicksale in diesen Erzählungen nicht fremd – im Gegenteil. Sie mögen überspitzt sein, aber diese Verzerrung ist eine zur Kenntlichkeit. Man kennt diese Frauen, solche Paare und Familien. Bužarovska lässt ihre Protagonistinnen selbst erzählen, von Ehemännern, die ihnen im besten Fall gleichgültig und im schlimmsten Fall widerwärtig sind, und durch diese Erzählperspektive läuft sie gar nicht erst Gefahr, in Pauschalisierungen oder Opfer-Täter-Logiken hineinzurutschen. Täter sind hier, wenn, dann alle – und Opfer genauso: von stereotypen, heteronormativen Gesellschaftsregeln, die unhinterfragt und schweigend hingenommen, um den Preis von Lieblosigkeit, Gefühlskälte und Gewalt erfüllt werden.

Am lustigsten, vielleicht sogar am besten ist die letzte Geschichte des Bandes, die den Titel 8. März trägt und an ebendiesem Tag spielt. Eine Gruppe von Universitätsangestellten feiert darin den Frauentag. Die »Kollegen vom starken Geschlecht« übernehmen die Rechnung, und die Erzählerin empört sich darüber, dass ihre junge Kollegin Irena aus dieser ritterlichen Geste »einen Skandal« macht. Überhaupt ist ihr diese Irena ein Dorn im Auge: Sie macht sich nicht schön, vernachlässigt ihr Aussehen, »dabei könnte sie so sympathisch sein«. Vor allem aber stört sie, dass Irena mit ihren 31 Jahren nicht verheiratet und Mutter, folglich »eine unverwirklichte Frau« ist. Während die Erzählerin sich mit dem Kollegen Toni darum bemüht, »aus Verantwortungsgefühl für unsere junge, vielversprechende Kollegin« dafür zu sorgen, dass aus dieser »eine schöne und auch gesellschaftlich erfolgreiche Frau werden konnte«, hat sie längst angefangen, mit besagtem Toni anzubändeln. Den Gedanken, ihren Mann zu betrügen, trägt sie schon lange mit sich herum, angeregt von ihrer Doktormutter, wobei nicht ganz klar ist, ob diese das auch ernst gemeint hat. So oder so ist die Erzählerin wild entschlossen. Der Seitensprung mit Toni jedoch endet jäh in beiderseitigem Brechdurchfall. Gierig und peinlich-lüstern haben sie im Restaurant die Leber verschlungen, doch diese, als wäre sie ein Sinnbild für das hohle Begehren, das die beiden pflichtschuldig aufführen, war verdorben.


WÖRTER: 509

LESEZEIT : 3 MINUTEN

Lesen Sie diesen Artikel jetzt weiter: