N°4REZENSIONEN | 27.03.20

Sittengemälde

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Von Jana Volkmann

Helena Adler
Die Infantin trägt den Scheitel links
Jung und Jung, 2020, 176 Seiten
EUR 20,00 (AT), EUR 20,00 (DE), CHF 26,90 (CH)

Schillernd desolat beschreibt die oberösterreichische Autorin Helena Adler in ihrem Roman Die Infantin trägt den Scheitel links das Aufwachsen in der Provinz. Aus der Sicht der jüngsten Tochter bekommt man ein Landleben präsentiert, das weit entfernt ist von friedlicher Idylle. Als ihr eine Kerze ins Stroh fällt und der elterliche Hof in Flammen steht, hat das fast etwas Kathartisches. Allerdings steht schon kurz darauf der Rohbau für die neue Anlage, vier Generationen der Bauernfamilie übersiedeln mitsamt dem geliebten Schlachtvieh und man stellt um auf Bio. Im Dorf sagt man Satansbrut zu dem Mädchen, »oder Satansbraut«, je nachdem. 

An besonders starken Stellen verdichtet sich die Stimmung beinah wie in Agota Kristofs Das große Heft: Übrig bleibt eine Grausamkeit, die ganz überzeitlich menschlich daherkommt. Als hätte man sich vor hundert oder zweihundert Jahren auf die genau gleiche Weise verachtet wie heute. Zugleich ist diese Grausamkeit aber erkennbar aus den Umständen gewachsen – aus Strukturen, in denen die Starken den Schwächeren nicht einmal das warme Badewasser gönnen, so wie die großen Schwestern der Ich-Erzählerin: Sie hocken sich so unter den Wasserhahn, dass für die Jüngste nur ein kaltes, dreckiges Rinnsal bleibt. Ein wenig erinnert das daran, wie hier von Generation zu Generation Traumata weitergegeben werden. Und natürlich ist das mit dem Badewasser nicht das Schlimmste, was hinter den Türen dieses Hofs passiert: prügelnde Eltern, gequälte Tiere, alles ist ständig voller Blut und anderer Körpersäfte. An allem haftet Stallgeruch.

Als die Urgroßmutter, die »Ameisenkönigin«, stirbt, bröckelt das Gefüge des Hofs. Auf der ersten Seite heißt es, man solle sich das Ganze wie ein animiertes Bruegel-Gemälde vorstellen. Das passt ziemlich gut – Bruegel hat chaotische Wimmelbilder gemalt, aber er hat sie gewissermaßen mit den Mitteln der Ästhetik neu geordnet. In Adlers Roman sind die Kapitel nach Kunstwerken benannt, neben Bruegel findet sich etwa Beuys. Als Stefan, der Angebetete, auf die »Dorfproleten« eindrischt, denkt die Infantin zuerst an Jackson Pollock und seine dripping technique. Da tut sich zaghaft eine Welt auf, die größer ist als das Dorf und die nicht einmal unter den Scheitel dieses blitzgescheiten Mädchens passt. Helena Adler dreht den Höhenregler so weit auf, bis über allem noch eine Tonspur voller groteskem Humor liegt. Es bestätigt sich eine alte und zugegeben strittige Regel: Am schönsten lachen noch immer die Verzweifelten. 

Helena Adler nimmt in ihrem Schreiben eine konsequent weibliche Perspektive ein – und sie tut das in einer Sprache, die eigen, kunstvoll, bisweilen unerwartet sanft ist. »Die frühen Morgenstunden schleichen noch stockdunkel um die Zimmerfenster«, heißt es an einer Stelle; manchmal ist es auch das Gehöft selbst, das zum Leben erwacht. Und wie alles, was lebt, ist es endlich. Adler erzählt von vielen Enden zugleich: dem Ende einer Familie, einer Kindheit, einer Art zu leben (und oft genug geht es ganz konkret um den Tod). Sie erzählt jedoch überdies von der Unausweichlichkeit der Wiederholung, davon, wie Strukturen wiederkehren, auch wenn man sie für überwunden gehalten hat. Dabei ist der Roman weit weniger überbordend-anarchisch, als man denken könnte – letztlich bleibt alles doch im Rahmen, und die Infantin könnte auch in einem Roman von Amélie Nothomb auftauchen, der vage von garstigen Mädchen in unwirtlicher Umgebung handelt und dabei selbst etwas zu brav bleibt.

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