10 | REZENSIONEN | 01.10.2021

Stadtflucht in Briefen

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Von Marlen Hobrack

Lisa Kreißler
Schreie & Flüstern
Mairisch, 2021, 217 Seiten
EUR 20,60 (AT), EUR 20,00 (DE), CHF 28,90 (CH)


Es klingt wie der Beginn eines bürgerlichen (Alb-)Traums: Ein junges Paar – sie ist Schriftstellerin, er ist Maler – erhält ein großzügiges Geldgeschenk und investiert es in den Kauf einer Immobilie auf dem Lande. Von der gehypten Großstadt Leipzig geht es samt Söhnchen Siggi direkt aufs Dorf mit seinem örtlichen Gesangsverein. Die Geschichte von Vera, der Ich-Erzählerin in Lisa Kreißlers Roman Schreie & Flüstern, geht zunächst den erwartbaren Gang. Natürlich vermisst Vera das Stadtleben. Ihr Freund Claus fasst dagegen überraschend schnell Fuß in der Provinz. Das Paar entfremdet sich. Aber dann kommt die Wende. Vera wird wieder schwanger. Beinahe märchenhaft ereignet sich nun in Vera und Claus eine Verwandlung. Claus beackert ein Feld. Und Vera lässt das Kind in sich ohne medizinische Aufsicht gedeihen, ist ganz eins mit sich und der Welt.

Vordergründig gibt es zwei Themen in diesem Roman: das Leben und den Tod. Veras Großmutter trauert ihrem Leben nach und ist doch noch nicht bereit zu sterben. Dafür stirbt eine andere alte Dame: Der Hund von Veras Mutter wird beweint wie ein nicht gelebtes Leben. Nicht zufällig sind es die Frauen im Roman, die über Vergänglichkeit und Verlust nachdenken, während es die Männer sind, die scheinbar ständig zur Tat drängen.

Andererseits spielt der Roman mit dem Gegensatz von entfremdetem Leben und dem Eins-Sein mit der Natur und ihren zyklischen Rhythmen. Claus’ Verwandlung von einem erfolglosen Maler in einen passionierten Gärtner, die sich ihm im Traum ankündigt, erscheint ebenso märchenhaft wie die Begleitung der Schwangerschaft durch eine Frau namens Maria, die niemand sonst im Ort kennt. Das klingt beinahe kitschig, allerdings spielt Kreißler ein gekonntes Spiel mit dieser scheinbar so naiven Versuchsanordnung.

Die Autorin Vera hat einen Briefroman geschrieben – bedient sich also einer recht alten literarischen Gattung, die zudem auf das Genre des Entwicklungsromans verweist. Ihr bemühter Agent versucht, ihr die unverkäufliche Gattung auszureden, eben weil diese ein »Riesenproblem« ist. Aber auch Kreißlers Text ist auf metafiktionaler Ebene ein Briefroman. So liefert der Roman selbst die trotzige Entgegnung auf die Empfehlung des Agenten im Roman. Auch die im Text auftretenden queeren Figuren wirken wie eine Antwort auf die Bitte des Agenten, ein paar zeitgenössischere Themen und Motive aufzugreifen.

Das Spiel mit dem Briefmedium ist auch deshalb interessant, weil kaum jemand noch Briefe schreibt. Viel lieber tippen wir Kurznachrichten auf Smartphones. Die Stadtflucht des Paares wird also gedoppelt durch die Flucht in ein längst überholtes Medium und eine scheinbar veraltete literarische Gattung. So wie Vera sich schließlich auf ihre Schwangerschaft mit viel Zuversicht einlässt, scheint sich auch Autorin Lisa Kreißler auf die eigene literarische Ambition einzulassen. So ein Briefroman mag ein »Riesenproblem« sein. Das heißt aber noch lange nicht, dass man ihn nicht schreiben kann.