N°3REZENSIONEN | 27.02.20

Stumme Bilder

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VON ERICH HACKL

Kurt Lackner

ZUR ERINNERUNG 1939|2019
Mit einem Vorwort von Martin Pollack
Verlag bildmanufaktur, 2019, 171 Seiten EUR 29,00 (AT), EUR 29,00 (DE),
CHF 38,00 (CH)


WÖRTER: 340

LESEZEIT : 4 MINUTEN

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Mit einem Satz des Schriftstellers Walter Kempowski lässt der Linzer Künstler und Kunstpädagoge Kurt Lackner sein Buch enden: »Was nützt uns eigentlich das Sammeln von Fotos, wenn wir sie nicht vorzeigen?« Dass es mit dem Vorzeigen nicht getan ist, erweist sich beim Betrachten der 80 Fotos, denen Lackner ein knappes Vorwort vorangestellt hat. Das zweite Vorwort, kaum länger, stammt von Martin Pollack und wirkt etwas gewunden, als wäre es diesem schwergefallen, über die prinzipielle Sympathie für einen geduldigen Erinnerungsforscher hinaus in Lackners Projekt viel Sinn zu erkennen: Die Fotos stammen aus den Kriegsjahren 1939 bis 1945, sind in Ateliers entstanden und zeigen bis auf wenige Ausnahmen Wehrmachtssoldaten und Männer der Waffen-SS. Meistens sind sie allein abgebildet, manchmal zu zweit, gelegentlich auch mit Freundin, Frau oder Familie. Mittels der Rangabzeichen, Medaillen und Verdienstkreuze auf den Uniformröcken gelingt es Lackner, ihren militärischen Werdegang ein Stück weit zu entschlüsseln: Einer hat offenbar mit der Legion Condor Bomben auf die spanische Zivilbevölkerung abgeworfen, ein anderer als Infanterist die »Winterschlacht im Osten« geschlagen, ein dritter als Flakhelfer der HJ die Heimatfront gestärkt. Einblicke in ihr Leben, ihren Charakter, ihre Vorlieben, Träume und Hoffnungen gewähren jedoch weder die Fotos noch die handschriftlichen Anmerkungen auf der Rückseite der Bilder: »Zur freundlichen Erinnerung an Euren Helmut, Stefi & Fini«, »Andenken von unseren geliebten Jungen Georg. geb. am 17.1.16. gefall. am 24.8.43. Aufnahme am 14.7.43«, »Meiner lieben Mutti! zum Andenken! dein Sohn Rudi! 12.9.1944« … 

Kurt Lackner hat die meisten Fotos auf Flohmärkten gefunden. Aber nur die anderen, die von seinen Verwandten und aus seinem Bekanntenkreis auf ihn gekommen sind, vermag er zum Sprechen zu bringen. Der Erkenntniswert ist trotzdem gering, und das Mitgefühl mit den Gefallenen und ihren Hinterbliebenen hält sich schon deshalb in Grenzen, weil sie auf der falschen Seite gekämpft haben und weil man viel zu wenig über sie erfährt. »Was wird er wohl erlebt haben?« Die Frage, die sich Lackner bei jedem Porträtierten gestellt hat, bleibt unbeantwortet. »Ich möchte ausdrücklich festhalten, dass meine Auswahl keinerlei ideologische Wertung widerspiegelt«, schreibt er im Vorwort. Tatsächlich taugt das Buch weder für alte Kameraden noch für Neonazis oder sonstige Kriegsgurgeln, am ehesten noch ließe es sich als Memento mori apostrophieren: der Tod, der alle gleichhobelt… Hin und wieder stellt sich beim Betrachten Wehmut ein, über so viel Leid, das die Abgebildeten erduldet, das sie über die Feinde des Dritten Reichs gebracht haben. Ansonsten erweist sich auch an diesem Album, dass ein Foto keinesfalls mehr als tausend Worte sagt. Die Stummheit der sogenannten Kriegsgeneration, hier wird sie nicht aufgebrochen, sondern illustriert. Was soll man davon halten? Eigentlich nichts.

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