N°9 REZENSIONEN | 30.08.20

Vererbte Wunden

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Von Andrea Heinz

Maya Lasker-Wallfisch
BRIEFE NACH BRESLAU
Meine Geschichte über drei Generationen
Suhrkamp/Insel, 2020, 254 Seiten
EUR 24,70 (AT), EUR 24,00 (DE), 
CHF 34,50 (CH)

Wer in den 90ern in Deutschland zur Schule ging, kann sich noch erinnern, mit welcher Selbstverständlichkeit damals die Parole »Nie wieder« benutzt wurde. Natürlich nie wieder, was denn sonst? Binnen weniger Jahrzehnte ist aus dem »Nie wieder« beinahe ein »Schon wieder« geworden. Kürzlich konnte man lesen, wie dramatisch die antisemitischen Straftaten (nicht nur) in diesem Land gestiegen sind. In dieser Zeit ist nun ein so lesenswertes wie schmerzhaftes Buch erschienen, das eines klar stellt: Es war nie vorbei. Natürlich ist auch Antisemitismus in Maya Lasker-Wallfischs Briefe nach Breslau. Meine Geschichte über drei Generationen Thema. Vor allem aber geht es in dem autobiografischen Buch darum, dass das Leid, das unter dem NS-Regime in die Welt gebracht wurde, nicht einfach wieder verschwindet. Dass es weiterlebt – in den Kindern und Kindeskindern der Opfer. Kein Wieder, sondern ein Immer. Trauma kennt keine Zeit.

Briefe nach Breslau (das, daher der Titel, auch berührende Briefe enthält, die die Autorin an ihre im Holocaust ermordeten Großeltern geschrieben hat) erzählt von transgenerationalen Traumata. Dass sie sich vererben lassen können, hätte man eigentlich schon in der Bibel nachlesen können, wo es im zweiten Buch Mose heißt, dass Gott »die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied«. Tatsächlich ist es eine relativ neue wissenschaftliche Erkenntnis, dass Traumata sich psychisch, aber auch physisch (Stichwort Epigenetik) vererben lassen. Als Maya Lasker-Wallfisch 1958 als zweites Kind der Holocaust-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch geboren wird, ist das alles noch kein Thema. Sie war, schreibt sie, die »Wunde« ihrer Familie. Aber sie weiß lange nicht, wer diese Wunde geschlagen hat.


WÖRTER: 536

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