N°3REZENSIONEN | 27.02.20

Verschüttet, umkämpft, offengelegt

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VON BARBARA ROTHMÜLLER

Andreas Kranebitter,
Christoph Reinprecht (Hg.)
DIE SOZIOLOGIE UND DER NATIONAL- SOZIALISMUS IN ÖSTERREICH Transcript, 2019, 590 Seiten
EUR 29,99 (AT), EUR 29,99 (DE),
CHF 41,50 (CH)


WÖRTER: 350

LESEZEIT : 4 MINUTEN

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In jüngster Zeit bietet sich die Gelegenheit, die spezifischen Verstrickungen der intellektuellen und kulturellen Elite Österreichs mit nationalistischen und rassistischen Weltanschauungen direkt in der Mitte des vermeintlich ideologiefreien Elfenbeinturms zu begutachten, wo rechtsextreme Fanclubs die Rede- und Meinungsfreiheit fragwürdiger Professoren absichern. Für die Kontinuitäten rechtskatholischer, antisemitischer und rassistischer Haltungen innerhalb der bürgerlichen Klassen haben sich Sozialwissenschafterinnen lange Zeit wenig interessiert, am wenigsten im eigenen wissenschaftlichen Feld. Noch bis vor wenigen Jahren erfuhr man im Studium nichts über Kontinuitäten und Diskontinuitäten von Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Zwar will die Soziologie etwas über sozialen Wandel aussagen, beschäftigt sich aber häufig nur mit der Gegenwart und drängt die Vergangenheit über die Grenze der Disziplin. Antifeminismus, Rassismus, Heimatliebe, Begeisterung für einen Messias – weiß man wirklich nicht, wo das auf einmal herkommt? In diese Lücke setzt sich nun ein Sammelband, dessen Beiträge einer weiterführenden Auseinandersetzung Tiefe verleihen. 

Die schlaglichtartige Aufarbeitung des Verhältnisses von Soziologie und Nationalsozialismus sowie von Erinnerungs- und Geschichtspolitiken aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven wird von einer umfassenden Einleitung des Herausgeberteams zusammengehalten. In dem Sammelband, der eine Plattform für bestehende Arbeiten bieten und weitere Forschung anregen möchte, erfahren die Leserinnen, dass das Verhältnis von Soziologie und Nationalsozialismus verschüttet, umkämpft und von Mythen durchzogen ist. Insbesondere der Mythos der Unvereinbarkeit von Soziologie und Faschismus führt(e) dazu, dass antisemitische und rassistische Soziologen kurzerhand zu Nicht-Soziologen erklärt wurden. Sozialistische Forscher wurden bereits im Austrofaschismus vertrieben und der kritische Nachwuchs von rechtskatholischen Netzwerken nach 1945 von Professuren ferngehalten. Soziologen, die sich den Nazis angedient hatten, stellten sich, nachdem sie in Ungnade gefallen waren, nach dem Krieg dreist als Opfer des Nationalsozialismus dar. 

Für die weitere Auseinandersetzung sind aber nicht nur biografische und institutionelle Kontinuitäten interessant, sondern auch die Frage nach einem expliziten und impliziten Weiterleben von Austrofaschismus und Nationalsozialismus in der Art und Weise, wie Soziologinnen Gesellschaft denken, bewerten und soziologisch arbeiten. Im Sammelband finden sich interessante Beiträge zur Geschlossenheit des soziologischen Feldes und den intergenerationalen Abhängigkeitsverhältnissen. Zwischen katholischer Ordnungssoziologie und einer Sozialforschung ohne Gesellschaftstheorie provinzialisierte sich die österreichische Soziologie und wehrte internationale fachliche Neuerungen lange Zeit ab: von Rassismustheorien und postkolonialer Theorie bis zu den methodologisch reflektierten Ansätzen einer historischen Soziologie. Der Sammelband problematisiert diese Engführungen und leistet einen wichtigen Beitrag dazu, gesellschaftliche und gesellschaftstheoretische Entwicklungen als historisch gewordene zu verstehen.

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