N°10 REZENSIONEN | 30.09.20

Verwegene Anthropologen, gleichwertige Kulturen

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Von Andrea Heinz

Charles King
SCHULE DER REBELLEN
Wie ein Kreis verwegener Anthropologen Race, Sex und Gender erfand
Aus dem Englischen von Nikolaus de Palézieux Hanser, 2020, 481 Seiten
EUR 26,80 (AT), EUR 26,00 (DE), CHF 36,50 (CH)

In Deutschland wurde unlängst darüber diskutiert, ob der Begriff »Rasse«, da aus wissenschaftlicher Sicht reiner Humbug, aus dem Grundgesetz gestrichen gehört. Es lohnt sich in diesen Tagen, Charles Kings Schule der Rebellen zu lesen, das in der deutschen Übersetzung den Untertitel Wie ein Kreis verwegener Anthropologen Race, Sex und Gender erfand trägt. Ganz so war es dann doch nicht, und im Originaltitel ist interessanterweise von »reinvented« die Rede. Aber das macht die Sache nicht weniger spannend.

King erzählt auf gut 400 Seiten die Geschichte von Franz Boas, der im 19. Jahrhundert von Deutschland in die USA emigrierte und dort die moderne Anthropologie mitbegründete. Gemeinsam mit seinen zahlreichen Studentinnen und Studenten vertrat er gegen den damals herrschenden Evolutionismus und den in Wissenschaft wie Gesellschaft grassierenden Rassismus eine Theorie des Kulturrelativismus. Menschliche Kulturen und Lebensweisen seien zwar divers, aber alle prinzipiell gleichwertig – es ließen sich keine Rückschlüsse von der Biologie auf kulturelle oder soziale Unterschiede ziehen. Dass das versucht wurde und nach wie vor versucht wird, hat einen einfachen Grund: Es geht um Macht, oder, wie King die Ideen Boas’ sehr schön paraphrasiert: »Nordeuropäer und ihre Diaspora, die so viele Teile der Welt erobert hätten, würden versuchen, diese Welt nach ihrem eigenen Bild umzuformen. Sie füllten diese Welt mit imaginierten Rassen und Subtypen, Schwachsinnigen und Genies, Primitiven und Zivilisierten. Anschließend erklärten sie ihr intellektuelles Gebilde als zutiefst und nachweisbar natürlich, als ebenso unerschütterlich wie ein von Göttern geschaffenes Walhalla.«


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