N5 | REZENSIONEN | 01.05.2021

Wahre Erfindungen

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VON JANA VOLKMANN



Anna Baar

Nil

Wallstein, 2021, 148 Seiten

EUR 20,60 (AT), EUR 20,00 (DE), CHF 26,90 (CH)


Die Hauptfigur in Anna Baars drittem Roman arbeitet an einer Fortsetzungsromanze für eine Frauenzeitschrift. Der Chefredakteur, eine ähnlich mystisch-allmächtige Figur wie die Cowboys und Filmproduzenten in David Lynchs Mulholland Drive, legt ihr nahe, bald zum Ende zu kommen, indem sie das ausgedachte Liebespaar sich eine Klippe hinabstürzen lässt. Doch nicht nur für die Figuren, auch für die Schreibenden ist das Ende einer Erzählung mitunter fatal.

Es gibt ein paar handfeste Rätsel in Nil: Was ist mit Leon, dem verschwundenen Bruder, passiert? Und was mit dem Krokodil aus dem Zoo? Zum Handlungsbogen im herkömmlichen Sinne gereicht das nicht – die Hauptfigur findet sich zu Beginn in einer Verhörsituation wieder, und als Leserin gleitet man wie die Ermittler machtlos an der Frage ab, was denn eigentlich geschehen ist. »Ich war es nicht«, lautet der erste Satz. Aber die Kategorie »Ich« ist brüchig. Die Selbstauskunft der Erzählstimme bekundet: »Ich bin das freundliche Ploppen, wenn ein Apfel ins Gras fällt, bin Monster, Märtyrer, Nichts, Form der Unmöglichkeit, Strudel und Projektion, ein Gedicht, das man aufsagt, ohne es zu verstehen. Oder ein Zookrokodil. Alles fließt und flutet in das schöne Wort Nil.« Gerade denkt man noch darüber nach, schon ist man in den Vortex des Romans gezogen worden.

Personenbeschreibungen sind nicht zu haben. Im zweiten Drittel des schmalen Romans taucht allerdings doch jemand auf, den man durchaus für eine Romanfigur halten könnte: Sobek, »ein Luftwurzler ohne eigenen Ort, ohne eigene Zeit«. Im Alten Ägypten war Sobek ein Wassergott in Krokodilsgestalt. Am echten Nilufer sind ihm Tempel geweiht, eine ganze Stadt sogar – Al-Fayyūm, auf Griechisch Krokodilopolis. In Baars Nil bewohnt er dreißigjährig noch immer sein Gruselkabinett von einem Elternhaus, in dem die vom Konservieren besessene Mutter dörrt, einlegt und fotografiert, als ginge es um ihrer aller Leben. Sobek hält sich für einen Tunichtgut und bezeichnet sich – wer da nicht an Fernando Pessoa denkt – lieber als Buchhalter denn als Dichter. Er trifft schließlich eine Frau, die ihm ihre Biografie erzählt, auf dass er sie niederschreibe. Grenzen zwischen seinem und ihrem Leben, Vergangenheit und Zukunft, sind von vornherein unmöglich zu ziehen. Es ist ein wagemutiger Roman, weil er sich traut, an ontologischen Grundfesten zu rütteln: Woraus besteht die Welt, wie fest ist der Boden, auf den wir unser Wissen über die Funktionen und Gesetze der Wirklichkeit stellen? Baars Roman verhält sich zur Gegenwartsliteratur ein wenig so wie die Quantenphysik zur klassischen. Kein selbstverliebtes, metafiktionales Versteckspiel, wie man es aus der schon wieder Geschichte gewordenen Postmoderne kennt, sondern ein Bruch mit der Art, wie über und mit Literatur gedacht werden kann – inmitten einer Konjunktur, wo man sich leicht einmal an Fragen nach dem Mischungsverhältnis von Fiktion und Autofiktion wund denkt, lässt Baar ihren Erzähler konstatieren: »Nichts ist wahrer als die gute Erfindung. Es muss nur geschrieben stehen, als sei es mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört, selber geschmeckt und gerochen.«

Es ruhen archaische Geschichten in Nil, das wird nicht erst deutlich, als Sobeks Name fällt und eine Brücke ins Altertum schlägt. Es ist von Mord die Rede, Grausamkeiten, die Menschen Tieren antun, Tiere Menschen und Menschen einander. Vielleicht zuerst ist es jedoch ein Roman über die transformative Macht des Erzählens: Die Hauptfigur wird verändert, indem sie schreibt, und indem sie schreibt, verändert sie die Wirklichkeit.