N5 | REZENSIONEN | 01.05.2021

Wild women

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VON ANNA-ELISABETH MAYER



Christina Maria Landerl

Alles von mir

Müry Salzmann, 2020, 127 Seiten

EUR 19,00 (AT), EUR 19,00 (DE), CHF 26,90 (CH)


Das Eingangszitat von Handke ist das erste Hinweisschild: Amerikaroman – aber dieses Mal aus der Hand einer Frau. Die Schriftstellerin Christina Maria Landerl lässt eine Ich-Erzählerin Ende dreißig durch die Südstaaten reisen. In einer Starbucks-Filiale lernt sie die Schwedin Karin kennen und nimmt sie mit. Ist für Erstere Unterwegssein eine Notwendigkeit, steuert Karin ein Ziel an: Sie will als Country-Sängerin nach Nashville. Die zwei Frauen, bestechend durch ihre Eigenwilligkeit, sitzen im Auto, unterhalten sich, schauen aus dem Fenster und hören Musik. Der Leser folgt abwechselnd der Ich-Erzählerin und einer Kameraperspektive. Die fein gesponnene Textkonstruktion der Innen- und Außenperspektive eröffnet Spielräume des Hörens und Sehens, dreht sich der Text um Fragen, die daran geknüpft sind. Fragen nach einem Land wie den USA (Stimmen Bilder und Gehörtes überein?), nach dem Erleben (Wer kann es sich wie leisten?), Fragen nach der Erinnerung (Ist der individuellen zu trauen und wie erinnert sich welches Kollektiv?) und der Biografie (Beschreibt eine Version mich?).

Bemerkenswert ist dabei die Sprache. Das Knappe, in dem sich ein ganzes Escherisches Treppenlabyrinth verbirgt: »An meinem neunten Geburtstag, zwei Tage nach dem Tod meiner Mutter, fuhren wir zu einem Bauernhof. Ich hätte mir, sagte mein Vater später, den hässlichsten Hund ausgesucht.« Vier Zeilen später: »Er war ein paar Jahre, ich weiß nicht, wie lange, bei uns, bis er einmal zu Weihnachten nicht mehr nach Hause kam.« Der nächste Absatz lautet: »Ich träume häufig, dass ich ein Haustier habe, auf das ich nicht richtig achtgebe oder das ich verhungern lasse, aus Versehen, bis heute träume ich das.« Es ist die Dichte, die Landerls Texte auszeichnet, eine Dichte, atemberaubend bescheiden.


WÖRTER: 507

LESEZEIT : 3 MINUTEN

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