N4REZENSIONEN | 31.03.2021

Zuckerbergs Innenleben

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VON JOHANNES KAMINSKI

Raphaela Edelbauer 
DAVE 
Klett-Cotta, 2021, 560 Seiten 25,00 EUR (AT), 25,70 (DE), CHF 35,90 (CH) 


Die deutsche Gegenwartsliteratur leidet unter einem Defizit im spekulativen Genre, darauf hat Dietmar Dath wiederholt hingewiesen. Jetzt gilt es, die konträren Erwartungshaltungen der hiesigen Belletristik, zum Sprachspiel und zur Selbstreferentialität neigend, mit der Freude am technischen Fabulieren zu versöhnen. Raphaela Edelbauers DAVE schlägt in diese Kerbe und bindet die Frage, wie künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickeln kann, an eine originelle Versuchsanordnung. Im Zentrum steht die (eigens von der Autorin entwickelte) Pascal-Moravec-Hypothese: »Wenn DAVE jedes Detail der Welt erkennt, jeden Blickwinkel gleichzeitig einnimmt, ist er gelähmt, weil keine Handlung, kein Satz mehr vor den anderen Vorrang besitzt.« Denn »Bewusstsein benötigt eben nicht nur Fakten, sondern ein Ich, einen Ausgangspunkt«. DAVE ist ein Daten-Ich, das – die Welt durch die Augen der biografischen Figur Syz betrachtend – zu sich selbst erwacht. Die Umwelt wird zunächst als Kulisse missverstanden, später als selbstgestaltet erkannt. Dieser Erkenntnisprozess resultiert in einem literarisch herrlich ausschlachtbaren Phänomen: Paranoia. Syz ist perplex, als er im Essen Katzenbälle und Heiligenbilder findet. Dialoge laufen aus dem Ruder, mitten im Gespräch donnern Abrissbirnen durch den Raum. In solchen Passagen erinnert die Erzählung auf glanzvolle Weise an die Simulations-Glitches in der Prosa Philip K. Dicks und Greg Egans. 

Edelbauers Versuchsordnung hat jedoch einen Haken. Syz alias DAVE erlebt seine Umwelt als farbloses Subjekt. Er verfügt über keine besonderen Interessen oder Vorlieben, sondern wurschtelt sich durch, bis er die Maschinen-Bewusstwerdung erfährt. Prinzipiell ist die Blässe dieses Ich-Trägers ein sinniger Einfall. Damit werden die ikonischen Tech-Persönlichkeiten der Gegenwart abgerufen, die unfreiwillig zu Sinnbildern des Transhumanen geworden sind: sei es Bill Gates, dessen unbeholfene Tanzeinlage beim Windows-95-Launch unvergessen bleibt, oder Mark Zuckerberg, bei dem einfache Menschentätigkeiten ins Unheimliche kippen, egal ob Wassertrinken oder Sonnencreme-Auftragen. Doch Edelbauer bettet diese futuristische Ich-Werdung bierernst in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ein. Alles wird von einer bildungsvernarrten Erzählinstanz vorgetragen, die in den relevanten Diskursen bewandert ist, inklusive Anekdötchen aus der Geschichte von Datenverarbeitung, Posthumanismus, Apokalypse und Gnosis. Dieser Roman soll nämlich nicht bloß Fortsetzung des surrealen Stils sein, für den Edelbauers Das flüssige Land gelobt wurde, sondern möchte sich innerhalb der technischen Machbarkeitsvisionen verorten, mit denen Nick Bostrom zum Denker der Stunde avancierte. Dabei hätte die drängende Aktualität von DAVE gar nicht mit der Blässe der Hauptperson erkauft werden müssen. Dass künstliche Intelligenz für mörderische Neurosen anfällig ist, hat HAL 9000 aus Stanley Kubricks und Arthur C. Clarkes 2001: A Space Odyssey eindringlich vorgeführt. In Hitchhiker’s Guide to the Galaxy lacht man sich schlapp über die plakative Dauerdepression von Marvin, der kein Einsatzfeld für sein Allwissen findet.

Ein jüngerer Forschungsbeitrag aus der Robotik rät Herstellern elektronischer Haushaltshilfen sogar dazu, diese mit gezielten Persönlichkeitsmodellen auszustatten: von knuddelig bis starrsinnig. Was bedeutet, dass DAVE, Edelbauers Superintelligenzmaschine, seinen literarisch wie zunehmend auch realen Ebenbildern hinterherhinkt.


WÖRTER: 391

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