N°2 REZENSIONEN | 30.01.20

Zwei Welten

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VON ANDREA HEINZ

Dominik Barta

VOM LAND

Zsolnay, 2020, 176 Seiten
EUR 18,50 (AT), EUR 18,00 (DE), CHF 25,90 (CH)


WÖRTER: 505

LESEZEIT: 5 MINUTEN

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Traditionelle bäuerlich-ländliche Strukturen und Flucht: Diese auf den ersten Blick recht divergenten Bereiche bringt Dominik Barta in seinem Debütroman Vom Land zusammen. Und das macht schon Sinn. Immerhin ist es mehrheitlich die Landbevölkerung, die in Zeiten der großen Fluchtbewegungen konservative und rechte Parteien und ihre mitunter offen inhumane Migrationspolitik wählt – zumindest legen das die farblich gekennzeichneten Landkarten in den üblichen Wahlanalysen nahe. Im Zentrum des Romans steht die Großbauern-Familie Weichselbaum, die in vielerlei Hinsicht prototypisch ist: Seit vierhundert Jahren sind sie schon im Tal ansässig und noch in der Elterngeneration von Erwin und Theresa, die nun über sechzig sind, wurde nach klassischer Bauernart geheiratet – also nicht aus Liebe, sondern aus Berechnung. Schönheit vergeht, Hektar besteht. Nun ist Theresa schwer krank, sie kann nicht mehr arbeiten und es scheint, dass ihr Leiden weniger ein körperliches als ein seelisches ist. Sie hat ihr Leben lang nichts anderes getan als zu arbeiten, zu reden hat sie nie etwas gehabt. Die drei Kinder sind längst aus dem Haus, den Hof übernehmen wollte niemand. Tochter Rosalie arbeitet als Bürokauffrau, ist verheiratet mit einem Handwerker und Hallodri. Max ist im Dorf geblieben, ein arbeitswütiger Ingenieur, der sich nebenbei in der rechtsgerichteten »Bewegung« engagiert und Pornos schaut. Nur einer der Söhne versucht, den Verhältnissen zu entfliehen, lebt als Lehrer in Wien – er scheint, soweit das in dem zwischen Ich- und auktorialer Perspektive schwankenden Roman auszumachen ist, der Erzähler zu sein.

Vom Land zeigt, was passiert, wenn eine verunsicherte bäuerliche Landbevölkerung mit Flucht und Krieg konfrontiert wird. Im Dorf ist eine Gruppe von Flüchtlingen untergebracht, Rosalies Sohn Daniel freundet sich mit einem von ihnen, dem Syrer Toti an. Und während sein Onkel Max und die »Bewegung« mit dem üblichen Phrasen-Baukasten der Neuen Rechten gegen Muslime und Flüchtlinge hetzen, engagieren sich nicht nur Menschen wie der Pfarrer (in diesem Österreich-Roman steht die Kirche einmal auf der guten Seite!) oder der Dorfarzt für die Geflüchteten – auch Daniels Opa Erwin entdeckt in ihnen einen Hoffnungsschimmer. Denn Toti schätzt und respektiert, ganz im Gegensatz zu Erwins Kindern, die Arbeit am Hof. 

Es ist klug gedacht, die beiden Welten in dem Roman zu verbinden – denn vieles in den derzeitigen Konflikten entzündet sich ja genau im Zusammenprall von in ihren Traditionen verun-
sicherter Landbevölkerung und ihrerseits traumatisierten Zuwanderern. Herausragend sind die Stellen, in denen Barta vom Bauerntum erzählt. Aber er macht ein paar Fässer zu viel auf. Homophobie, Männlichkeitskult und Unterdrückung von Frauen, Höfesterben … Noch schwerer wiegt die mangelnde sprachliche Qualität: Das Buch wirkt, als wäre es nicht lektoriert worden. Warum spricht der Erzähler in Sätzen wie diesem: »Der Gedanke, dass eine Mutter im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ihr Kind nicht liebte, war dem Pielitztal so verhasst, dass er die schlimmsten Vorverurteilungen produzierte«? Warum werden Kinder bei ihren Familien »vorstellig«, anstatt einfach heimzugehen? Die Sprache scheint immer eine Spur danebenzuliegen, manche Sätze sind grob missverständlich: »Toti näherte sich auf Samtpfoten und steckte ihm einen langen, dünnen Ast in den Hintern«. Vom Land ist kein schlechter Roman – mit etwas mehr Zeit wäre er sicher besser geworden.

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