N°2 REZENSIONEN | 30.01.20

Zwischen Literatur und Gewalt

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VON FLORIAN BARANYI

Patricio Pron

VERGIEß DEINE TRÄNEN FÜR KEINEN, DER IN DIESEN STRAßEN LEBT Rowohlt, 2019, 411 Seiten
EUR 24,70 (AT), 24,70 EUR (DE), CHF 33,90 (CH)

Mit seinem Roman Vergieß deine Tränen für keinen, der in diesen Straßen lebt schreibt sich der Argentinier Patricio Pron gewitzt in die literarische Tradition Südamerikas ein und betritt doch Neuland. Der Roman changiert zwischen drei Zeitebenen. Die erste ist in Italien im April 1945 in der faschistischen Republik von Saló angesiedelt, wo das who is who der europäischen faschistischen Schriftsteller zu einem fiktiven Kongress zusammenkommen, obwohl schon alle Zeichen auf Kapitulation stehen. Auf der zweiten Zeitebene versucht der linksradikale Student Pietro Linden im Frühjahr 1978 mehr über diesen Kongress herauszufinden, bei dem jener Futurist starb, der seinen Vater, einen Partisanenkämpfer, verletzt aufnahm und pflegte. Hierfür interviewt Linden vier alternde Futuristen, die begeisterte Anhänger des Faschismus und Teilnehmer des Kongresses waren. Linden, ein niederrangiges Mitglied der Brigate Rosse, verstrickt sich immer mehr in die Vergangenheitsklärung, während eine weitere Zelle seiner Organisation den konservativen Politiker Aldo Moro entführt und ermordet. Dieser längste Teil des Romans wird abwechselnd über geschickt arrangierte Interviewtranskripte und die Schilderung von Lindens kläglichen Versuchen, seine Radikalisierung zu rechtfertigen, erzählt. Was dem Leser auffällt, Linden aber erst während einer langjährigen Haftstrafe realisieren muss: An den Überzeugungen der alten Faschisten interessiert ihn, wie bruchlos ihre ästhetischen Ansichten in politisch motivierte Gewalt umschlagen konnten. Gewalt und das moralische Ringen um ihre Legitimation führen in die letzte Zeitebene des Romans, in der sich der jugendliche Sohn Lindens während Demonstrationen im Mailand des Jahres 2014 Auseinandersetzungen mit Polizisten liefert. Was Vergieß deine Tränen für keinen, der in diesen Straßen lebt aber vor allem ausmacht, ist die technische Virtuosität Prons. Die komplexen literarischen Auseinandersetzungen zwischen jungen Futuristen sind getränkt von einem faszinierenden Ineinander von fiktiver und realer Literaturgeschichte. Pron fingiert ganze Kapitel Literaturgeschichte samt Autoren, Bibliographien, Biographien und Plots und macht sich auch noch einen Spaß daraus die Grenzen zwischen wahr und wahrscheinlich ständig zu verwischen, nur um im Nachwort einige seiner Geheimnisse offenzulegen. Mit seinem Roman schreibt er sich in eine lange Traditionskette der südamerikanischen Literatur ein, die mit meta-literarischen Techniken operiert und in der Jorge Luis Borges, Julio Cortázar und Roberto Bolaño nur einige der bekannteren Glieder sind. Die schwindelerregende Meditation über die Verbindung von Kunst, Politik und Gewalt ist in dieser Konsequenz aber nur bei Patricio Pron zu finden.

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