10 | DEBATTE | 01.10.21

Der Zapatismus hat sich verändert 

Der Zapatismus muss in seiner Geschichte verstanden werden. Das indigene Element war von Beginn an grundlegend, hat sich aber zuletzt verstärkt.

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VON GERARDO MONTES DE OCA 

Gerardo Montes de Oca forscht an der Akademie der bildenden Künste Wien zu indigenen Bewegungen in Mexiko.
Aus dem Spanischen von David Mayer.

Illustration: Lea Berndorfer

Die Zapatisten haben immer wieder dargelegt, warum sie bei ihrem Aufstand seit 1994 zunächst nicht die indigene Identität in den Mittelpunkt rückten. Sie wollten vor allem verhindern, dass die Regierung, aber auch die breitere Gesellschaft in Mexiko ihre Forderungen als lokale oder »bloß« indigene einordnet – in einem Land mit solch starkem kolonialen und rassistischen Erbe hätte das ihre Position geschwächt.

Bekanntermaßen wies der Zapatismo in seinem vielgestaltigen Kampf zugleich von Beginn an eine universalistische Orientierung auf. Diese wiederum war kein »Import«, sondern eine Folge der indigenen Auseinandersetzung mit westlichen Formen des Denkens und politischen Handelns. Während die Erfahrungen der linken, aus den Städten kommenden Revolutionäre adaptiert wurden, entstand etwas Neues. Wie Subcomandante Marcos einmal vermerkte, war diese Weigerung, in Chiapas überkommene Konzepte nachzuahmen, »die erste und wichtigste Niederlage« der Ejército Zapatista de Liberación Nacional (EZLN). Für Marcos (der als politische Figur im Mai 2014 für tot erklärt wurde – von ihm selbst) war es auch dieses »indigene Element«, das der Bewegung eine ethische wie universelle Dimension verlieh – insbesondere mit dem Begriff »dignidad« (Würde). 


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