N°7/8DEBATTE | 01.07.21

Nicht gehen müssen

Im Herbst findet der UN-Welternährungsgipfel statt. Die Frage der globalen Ernährungssicherheit steht im unmittelbaren Zusammenhang mit Migrationspolitik. Doch sie wird nicht als solche verhandelt.  

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VON SONJA BUCKEL UND JUDITH KOPP

Sonja Buckel und Judith Kopp forschen und lehren an der Universität Kassel und haben die Studie Das Recht, nicht gehen zu müssen. Fluchtursachen und Europäische Politik für die Arbeiterkammer Wien erstellt.

Illustration: Lea Berndorfer

Wie es der britische Migrationswissenschafter Stephen Castles formulierte, besteht das Problem der Migrationspolitik gerade darin, dass sie von Migration handelt – und nicht von global ungleichen Lebensverhältnissen. Dabei müsste eine realistische Migrationspolitik genau dieses Nord-Süd-Verhältnis hinterfragen. Statt etwa eine agrarökologische Wende auf die Agenda zu setzen, wird im vorherrschenden Diskurs unter »Fluchtursachen« ausschließlich die Situation in den Herkunftsländern von Geflüchteten verstanden. Dieser Diskurs steht ganz im Kontext der Verhinderung von Mobilität und der militarisierten Migrationsabwehr an den Außengrenzen.

Fluchtmigration ist ein Element des Nord-Süd-Verhältnisses. Sie verweist auf die globale Dimension von Gerechtigkeit. Die verschiedenen Lebens- und Arbeitsverhältnisse sowie die Menschen, die in ihnen existieren, müssen in ihrer weltweiten Verstrickung betrachtet werden: Die Futtermittelproduzentin in Südamerika, der migrantische Erntehelfer in Europa, die Kleinbäuerin in Subsahara-Afrika und der EU-Bürger, dessen Lebensweise auf diesen Arbeiten aufruht und der seit der Zeit des Fordismus existenziell von industriell hergestellten Lebensmitteln abhängig ist – sie stehen alle miteinander in Verbindung. Auf der anderen Seite sind es transnationale Unternehmen, in diesem Fall die Agrar- und Ernährungskonzerne, die durch ihre global orientierten Investitions- und Absatzstrategien die internationalen Produktionsstrukturen und Konsummuster bestimmen. 

Die Bekämpfung von Fluchtursachen muss an dieser globalen Produktions- und Lebensweise ansetzen. Das mit dem Kolonialismus etablierte Nord-Süd-Verhältnis findet heute seinen drastischsten Ausdruck in rund 690 Millionen Menschen, die an schwerem Hunger leiden. Weitere zwei Milliarden leben in Situationen der Ernährungsunsicherheit. 


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