N°2KULTUR | 01.02.21

Andi Schmied: Vampirlandschaften

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VON CHRISTINA TÖPFER

Christina Töpfer ist Chefredakteurin von Camera Austria International.

Für ihr Projekt Private Views (2016–2020) nahm die in Budapest lebende Künstlerin Andi Schmied die Rolle der imaginären ungarischen Milliardärsgattin Gabriella Schmied ein, die auf der Suche nach einer in Manhattan gelegenen Luxuswohnung für ihre Familie ist und verschiedene Besichtigungstermine vereinbart. Im Zuge ihres Aufenthalts besuchte sie 25 exklusive Wohngebäude und hatte so die Möglichkeit, eine Perspektive
auf die Stadt einzunehmen, die der Mehrheit ihrer Bewohnerinnen verwehrt bleibt.

Aus: Private Views (2016–2020), Giclée-Prints, 80 × 120 cm und 60 × 90 cm. © die Künstlerin.

Die dabei entstandenen Fotografien stellt Schmied in ihrer soeben erschienenen Publikation Private Views:
A High-Rise Panorama of Manhattan (VI PER Gallery, Prag,  2021) Ausschnitten aus den Gesprächen gegenüber, die sie bei ihren inszenierten Wohnungsbesichtigungen führte.
In Bildern wie Texten zeigt sich eine Welt der Superreichen, die sich fernab des städtischen Alltags entfaltet. Die Soziologin Sharon Zukin bezeichnete diese Welt als eine aus finanzieller Macht gespeiste »Vampirlandschaft«. Exklusive Einrichtung, frei stehende Badewannen vor Panoramafenstern und atemberaubende Blicke auf den Hudson River, den Central Park oder die Downtown-Skyline sind in den dokumentierten Wolkenkratzern Standard.

In ihrer konzisen und umfassenden Auseinandersetzung thematisiert Schmied Fragen, denen sich Investorenprojekte rund um den Globus stellen müssen und die im umkämpften urbanen Gefüge Manhattans besonders evident werden. Im Zentrum stehen stadtplanerische Entscheidungen und architektonische Setzungen, die eine von Ungleichheit und Gentrifizierung gezeichnete Stadt festschreiben – die privaten Einblicke und Aussichten, die Schmied in ihren Bildern dokumentiert, streichen die Diskrepanz zwischen den Bewohnern der Luxusapartments und jener Welt heraus, auf die sie von ihren Fensterfronten herabblicken (und auf die ihre Wohnhäuser lange Schatten werfen). Gleichzeitig sind die in den Gesprächsausschnitten vermittelten Geschlechterrollen alles andere als fortschrittlich: Immer wieder muss Gabriella Fragen zur Person und Profession ihres fiktiven Ehemannes beantworten; sie bleibt trotz ihres finanziellen Status doch nur die Gattin eines reichen Mannes.