N°5| KULTUR | 01.05.21

Die Katastrophe von Tschernobyl

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VON DAVID MAYER

Der Reaktorunfall im sowjetischen Atomkraftwerk von Tschernobyl (heute Ukraine) vor 35 Jahren ist stärker als viele andere menschengemachte Katastrophen ins kollektive Bewusstsein gesunken. Dies hat sich durch literarische und filmische Werke noch verstärkt, zuletzt durch die HBO-Miniserie Chernobyl (2019). Das Ineinandergreifen von technischer Hybris, menschlichem Versagen und institutionellem Verschweigen mit Blick auf eine heute vielerorts als obsolet erachtete Energietechnologie wird, so scheint es, am liebsten anhand eines als obsolet erachteten Systems, des Sozialismus, durchgespielt. Leopold Spira, 1986 geschäftsführender Redakteur des Wiener Tagebuch, beurteilte die Katastrophe nach deren (spätem) Bekanntwerden durchaus ähnlich wie Kommentatorinnen heute, gab ihr im Rahmen der Auseinandersetzungen der Zeit aber eine andere politische Note. 

Leopold Spira

Tschernobyl

»Die Challenger-Katastrophe [im Januar 1986, Anm.] und die zwei darauffolgenden Raketen-Fehlstarts haben dem Ruf der USA geschadet und ihre strategischen Pläne empfindlich gestört. Die Katastrophe von Tschernobyl hat nicht nur das Bild einer sich modernisierenden und nach innen wie außen öffnenden Sowjetunion verdüstert, sondern auch ihre wirtschaftlichen Pläne gefährdet und ihr weltpolitisches Gewicht geschwächt.

[…]

Der Reaktorunfall in der Ukraine mit seinen europaweiten Folgen war nicht der erste in der Welt, aber der schwerste. Er stellte die Sicherheit der Technik der ›friedlichen Nutzung der Atomenergie‹ in Frage, zugleich aber auch die Funktionstüchtigkeit des gesellschaftlichen Systems in der Sowjetunion. ›Das Unglück war weitgehend eine Folge des in der Sowjetunion bestehenden bürokratischen Systems der Entscheidungsfindung‹, schrieb der russische Naturwissenschaftler Schores Medwedjew, der zur Zeit in England lebt, […].

[…]

Unfälle jeder Art und jeder Dimension können in jedem System passieren. Aber die Katastrophen in Seveso [1976, Anm.], in Bhopal [1984, Anm.], im US-Raumfahrtzentrum oder in Tschernobyl haben ihre spezifischen systembedingten Ursachen. Zu diesen zählt auch der Faktor Mensch, von dem Funktionieren oder das Versagen der Technik abhängt.

[…]

Die Angst vor den Folgen der ›friedlichen Nutzung der Atomenergie‹ ist weltweit gestiegen und das Zutrauen in die Versicherung, mit entsprechenden Einrichtungen ließe sich jede Unfallgefahr bannen, gesunken.

[…]

Das gerade in der Arbeiterbewegung so schwer zu erreichende Umdenken in Fragen der Atomenergie kann nur ein Teil eines allgemeinen Umdenkens sein. Denn wenn auf eines der Herzstücke der modernen Großtechnologie verzichtet wird, muß sich ja das Zukunftskonzept insgesamt ändern.«