N°3KULTUR | 27.02.20

Die zwölf Gebote

An dieser Stelle dokumentieren und kontextua- lisieren wir Beiträge aus fast fünf Jahrzehnten TAGEBUCH. In dieser Ausgabe: Ratschläge eines Autors mit dem Kürzel »R.« für die Künstler im Exil.

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VON »R.«

Die Behauptung, dass in der Zweiten Republik nichts unternommen worden sei, um die von den Nazis vertriebenen Landsleute zurückzuholen, trifft sicher nicht auf das Österreichische Tagebuch zu, das immer wieder Namen von Exilierten mit der Aufforderung publizierte, diesen einen angemessenen Posten zu verschaffen, und gelegentlich auch »Rückkehrer der Woche« aus Forschung, Wissenschaft oder Kunst auflistete. Allerdings waren die Mitarbeiter des Österreichischen Tagebuch weit davon entfernt, die beruflichen und persönlichen Aussichten der Rückkehrwilligen zu idealisieren. Das zeigen die hier abgedruckten 12 Gebote aus dem Jahr 1946. Es konnte nicht in Erfahrung gebracht werden, wer sie verfasst hat. Das Kürzel »R.« könnte auf zwei Autoren des Heftes zutreffen, von denen der eine das Pseudonym Rufer verwendet hat und mit viel Insiderwissen und mancherlei Bosheit über die »Musikalische Hintertreppenpolitik« der Herren Furtwängler, Böhm und Karajan schreibt, ihre Nazivergangenheit gleichsam wegzudirigieren. Beim zweiten Mitarbeiter – er besprach in derselben Nummer Filme der Woche – handelt es sich um den gelernten Schlosser Karl Röder, 1911 in Nürnberg geboren, der die Konzentrationslager Dachau und Flossenbürg sowie den Zwangseinsatz in der SS-Sondereinheit Dirlewanger überlebt hatte. Röder arbeitete im Büro des Kulturstadtrats Viktor Matejka, ehe er die Direktion der Universal-Film übernahm. Sein autobiografischer Bericht Nachtwache, über zehn Jahre KZ-Haft, erschien 1985. 

1. Erwarte nicht, daß man dich einlädt oder auffordert, in die Heimat zurückzukehren.

2. Willst du freiwillig zurückkommen, so beginne mit den Rück- und Einreisebewilligungsbemühungen einige Jahre vor deiner Heimreise und versuche zweitens zu vertuschen, daß du ein Antifaschist bist.

3. Hat man dir (im Ausnahmefall) eine Stellung in der Heimat zugesichert, erstaune nicht, wenn du feststellen mußt, daß es sich nur um eine Geste handelt, um dir »die Einreise zu erleichtern«.

4. In Wien endlich angekommen, gib dir den Anschein, als wolltest du recht bald wieder abreisen – das macht einen vorzüglichen Eindruck.

5. Zumindest vermeide aber den geringsten Verdacht, der in die Richtung geht, du könntest hier deinen Beruf ausüben.

6. Bei deinen Bemühungen, in den Genuß von Wohnräumlichkeiten zu gelangen, gehst du am besten allen Spuren deiner einmal innegehabten Wohnung und der dir gestohlenen Einrichtungsgegenstände aus dem Wege. Denn der Versuch, dieses wieder in deinen rechtmäßigen Besitz zu bringen, kann dich etliche Jahre deines Lebens und den guten Ruf kosten.

7. Flechte in das Gespräch mit notorischen Nazi genügend verständnisvolle Bemerkungen und gerechte Entrüstung über ihre unverschuldete Lage ein. Und widersprich niemals der Meinung, daß du nicht mitreden kannst, da du ja »nichts mitgemacht« hast. Anerkenne mit deutlichen Anzeichen, daß ihr Schicksal bemitleidenswerter und schwerer als deines ist.

8. Kollaboranten, daß heißt Nutznießer der Naziära, gibt es nicht, sondern nur Widerstandskämpfer:

a. die wirklich Widerstand geleistet haben, erkennst du daran, daß sie wenig darüber reden und wenig darüber herzeigen;

b. die anderen laufen mit Bestätigungen, Nachweisen und Zeugenaussagen herum und gewähren jedermann bereitwillig Einblick in ihre Gesinnungsdokumente.

9. Sollte es dir infolge deiner Qualität oder eines Wiedergutmachungsanspruchs doch gelingen, Arbeit zu finden, dann vermeide es geflissentlich und mehr als du es bisher in deinem Leben gewohnt warst, eine eigene Meinung zu zeigen. Besonders wenn du die vorgefundenen Arbeitsverhältnisse im demokratischen Sinne ungenügend und noch sehr behaftet mit der Erbschaft aus der Nazizeit empfindest.

10. Für alle Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten des Lebens sind »andere« verantwortlich. Wobei des Raunzers Blick ostwärts gerichtet ist. Gegen die Nazi unterlasse als Neuankömmling jede abfällige Bemerkung, wenn du gesellschaftsfähig bleiben willst.

11. Nimm Rücksicht auf Mißtrauen und Empfindlichkeit, welche dir überall begegnen, und bedenke, daß man in dir nicht den Vertriebenen sieht, der es schwer gehabt hat. Der in Lagern, auf der Flucht, in fremdsprachigen Ländern sich jahrelang als Fremdling, Bettler und Bittsteller oder billige Arbeitskraft hat herumtreiben müssen, sondern daß man in dir den saturierten Ausländer sieht, dessen Freisein von jedem Kollaborantentum ihn verdächtig erscheinen läßt.

12. Komm trotzdem zurück! Es gibt aufrechte demokratische Oesterreicher, und denen wird es mit dir gelingen, zu Hause dem Rechten und dem Fortschritt zum Sieg zu verhelfen.

R.

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