N°12/1| KULTUR | 01.12.21

»Erinnerung begreift sich nicht zu Ende«

 

Die Schriftstellerin Ilse Aichinger hinterließ ein radikales Werk des unsentimentalen Erinnerns. Ihr 100. Geburtstag wird mit Publikationen aus dem Nachlass und einer Ausstellung gewürdigt. 

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VON HELMUT NEUNDLINGER

Helmut Neundlinger ist Autor, Literaturwissenschafter und Musiker. Er lebt in Wien. Zuletzt erschien von ihm Virusalem (Müry Salzmann, 2020).

Illustration: Anna Gusella

Alles Zerrissene fand wie ein Spiel zusammen. Rote Blumen, eine Handvoll Süßigkeiten und eine offene Wunde.« So lautet ein Satz in Ilse Aichingers Roman Die größere Hoffnung, der 1948 im Bermann Fischer Verlag erschien. Er gilt als eine der ersten literarischen Auseinandersetzungen mit der NS-Zeit, gespeist aus den traumatischen Erfahrungen, die Ilse Aichinger als Tochter einer Mutter mit jüdischen Wurzeln zwischen 1938 und 1945 erleiden musste. Die zehn Kapitel des Romans kreisen episodisch um das Mädchen Ellen und ihr familiäres und freundschaftliches Umfeld. Das Überleben als »Kinderspiel«, wie es der Literaturwissenschafter Klaus Kastberger pointiert ausdrückte, entpuppt sich als Umkehrung der Formulierung Friedrich Schillers, der Mensch sei »nur da ganz Mensch, wo er spielt«. Bei Ilse Aichinger wird das Spiel zur Überlebensstrategie, zur Fluchtlinie vor dem systematischen Terror und der Entmenschlichung durch die Nazis. Nie war der Mensch weniger Mensch als in diesem Kontext, und dennoch erwächst dem Spieltrieb der Kinder in der »größeren Hoffnung« eine Art von Freiraum, der sich dem totalen Zugriff der Macht zu entziehen versucht. 

Das Werk der am 1. November 1921 in Wien geborenen und ebendort am 16. November 2016 gestorbenen Autorin ist gespickt mit Sätzen, die konkrete Erfahrungen auf unheimliche Weise in Denkfiguren verwandeln. Die zuweilen verstörende Leichtigkeit ihrer Literatur erwuchs stets aus dem Bewusstsein für den Abgrund, der darunter lauerte. Dieser Schwebezustand kennzeichnet bereits Aichingers allerersten publizierten Text, der unter dem Titel »Das vierte Tor« am 1. September 1945 in der Tageszeitung Wiener Kurier erschien. Darin nimmt sie die Leserinnen gleichsam bei der Hand, indem sie sie direkt anspricht und zu einer Szene am vierten Tor des Wiener Zentralfriedhofs geleitet, zum jüdischen Teil des Friedhofs, auf dem verwaiste Kinder miteinander spielen. Die Frage, warum sie denn nicht im Stadtpark spielten, erwidert eines der Kinder »ernst und gelassen«, wie es im Text heißt, mit einem einzigen Wort: »Konzentrationslager«. Und auch die Nachfrage, ob die Kinder denn keine Angst vor den Toten hätten, wird klar und deutlich pariert: »Die Toten tun uns nichts!« 

Atmosphäre und Konstellation dieses Textes flossen später in das Kapitel »Das heilige Land« in Die größere Hoffnung ein. »Das vierte Tor« erweist sich in mehrerlei Hinsicht stilbildend für das frühe Werk. Ständig wird gespielt in den Randzonen des Alltags unter der Diktatur, und ständig stoßen die Kinder und Jugendlichen an neue Grenzen, vorgegeben von einem System, das ihnen abstrakt in Form von rassistischen Gesetzen und zugleich konkret in Form von willigen Exekutoren entgegentritt. Ein bemerkenswerter Zug an Aichingers erstem Text ist die Unerschrockenheit, die aus den verfolgten Kindern spricht und die sich in den Roman hinein fortsetzt: Die aus kindlich-jugendlicher Perspektive unverständlichen Vorgaben reizen zum Ausloten von Handlungsspielräumen, und sei es um den Preis der Selbstgefährdung. Am eindringlichsten beschreibt Aichinger diesen Tanz am Abgrund im Kapitel mit dem sprechenden Titel »Die Angst vor der Angst«, in dem Ellen den »gelben Stern« zur rassistischen Kennzeichnung der jüdischen Bevölkerung in ein spielerisches Accessoire umdeutet: »Er war seit langem die geheimnisvollste Idee der Geheimen Polizei gewesen«, heißt es im Text. Ellen heftet ihn sich an und versucht, in einer Konditorei eine Geburtstagstorte für ihren Freund Georg zu erstehen. Spätestens an diesem Ort stößt ihr spielerischer Umgang mit der Selbststigmatisierung an empfindliche Grenzen: Sie wird rausgeschmissen, ohne die Torte erwerben zu können, beschimpft und diszipliniert. 

Ilse Aichingers Roman steht am Beginn einer literarischen Tradition der Auseinandersetzung mit den Schrecken der NS-Herrschaft aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen. Von ihrem Text aus lässt sich eine Verbindungslinie ziehen zu Hubert Fichtes Romanen Das Waisenhaus (1965) und Detlevs Imitationen. Grünspan (1971): Auch Fichte war der Bedrohung durch die Nazis aufgrund der jüdischen Abstammung seines Vaters ausgesetzt und überlebte unter anderem deswegen, weil seine Mutter ihn in einem katholischen Waisenhaus in Bayern versteckte. Bemerkenswerte Parallelen ergeben sich auch zu Imre Kertész’ Roman eines Schicksallosen (orig. 1975) und der Zwillingsgeschichte Das große Heft (1986) von Agota Kristof: Das Überleben gelingt in diesen Texten aufgrund von eigenen Spielregeln, denen sich die kindlichen Protagonisten unterwerfen. Alle sind einem Schicksal ausgeliefert, »das nicht meines« ist, wie es die Hauptfigur im Roman von Imre Kertész formuliert. Es ist schlicht die Gewalt der Geschichte, die über sie hereinbricht und einer ständig von der Vernichtung bedrohten Lebenssituation ausliefert. 


WÖRTER: 2423

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