N°5KULTUR | 27.04.20

»Wir haben den Tod verinnerlicht«

Die Autorin und Queer-Aktivistin Trifonia Melibea Obono über die Familie als Instrument zur Unterdrückung der Frau, die Arbeit an ihrem Buch Testimonios und das Erdöl als Gipfel der politischen, sozialen und ökonomischen Enttäuschung in Guinea.

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Trifonia Melibea Obono im Interview mit Erich Hackl

Illustration: Christoph Kleinstück

Trifonia Melibea Obono lebt und arbeitet als Schriftstellerin, Politikwissenschafterin und Queer-Aktivistin in Malabo. Die für Mai geplante 10. Woche der äquatorialguineischen Literatur, in der eine Lesung Obonos aus ihrem Roman Wem gehören die Bindendee? Ein afrikanisches Idyll (deutsch von Susanne Doppelbauer, Löcker-Verlag) vorgesehen war, wird aufgrund der Viruspandemie 2021 nachgeholt. Das Interview mit Trifonia Melibea Obono hat Erich Hackl Ende Februar in Madrid geführt.

Erich Hackl | Melibea, fast gleichzeitig mit dem Erscheinen deines ersten Romans, Wem gehören die Bindendee? Ein afrikanisches Idyll, in einem österreichischen Verlag bringt das TAGEBUCH eines von dreißig Lebenszeugnissen lesbischer Frauen in Äquatorialguinea, die du in Spanien veröffentlicht hast. Sowohl im Roman als auch in den Frauenprotokollen erweist sich die Familie als ein brutales Instrument zur Unterdrückung der Frauen.

Trifonia Melibea Obono | So ist es. Aber lass mich erst einmal sagen, dass ich zu Österreich eine besondere Beziehung habe. Mein erstes Buch ist in Wien erschienen. Jetzt halte ich mein sechstes in Händen und bin wieder nach Wien eingeladen. Ich bin immens dankbar für die Unterstützung, die ich von den Veranstaltern der Woche der äquatorialguineischen Literatur in Wien bekommen habe.

Zur Rolle der Familie ist zu sagen, dass in Guinea der Staat nicht wirklich existiert. Das soll nicht heißen, dass du in Malabo, der Hauptstadt, nicht Gebäude sehen wirst, auf denen »Außenministerium« oder »Zoll« steht. Den Staat gibt es erst seit fünfzig Jahren. Einundfünfzig, um genau zu sein. Er ist schwach, er ist in der Hand eines Familienclans, dem das Wohl der Bevölkerung egal ist. Deshalb könnte nur die Familie der oder dem Einzelnen Schutz bieten. Aber sie steht in einer Tradition, die weder die Frau im Allgemeinen noch die lesbische Frau im Besonderen schützt. Letztere ist doppelt stigmatisiert, als Frau und als sexuelle Dissidentin. Die Sitten und Lebensweisen der größten Ethnie Guineas, Fang, sind extrem frauenfeindlich, aber die Traditionen der anderen Ethnien Guineas sind um nichts besser. Als das Land von Spanien kolonisiert wurde, war die Frau bereits vom Patriarchat der verschiedenen Ethnien unterjocht worden. Die Kolonialmacht brachte den Katholizismus mit, durch den die Repression noch zugenommen hat. Wir haben es also mit einer doppelten Unterdrückung zu tun, ethnisch und religiös. Wohin du dich auch wendest, du wirst unterdrückt. Es gibt kein Entkommen.

EH | Im Vorwort zu den Lebenszeugnissen beschreibst du die drei Etappen, die lesbische Mädchen erleiden …

TMO | Die LGBT-Personen. Alle! Es ist egal, ob du lesbisch bist oder schwul oder trans oder androgyn oder bisexuell – ab dem Moment, in dem die Familie, die Gesellschaft, die öffentlichen Einrichtungen erfahren, dass jemand anders ist, wird sie, er oder es nicht mehr als Mensch angesehen. Du verlierst das Recht, Rechte zu haben. Von nun an darfst du von allen verstoßen werden.

Alle drei Etappen sind von Gewalt geprägt. In der ersten ist es die familiäre Gewalt. Die zweite ist die Gewalt in der Schule und seitens der Polizei. Die dritte beginnt damit, dass du zu Medizinmännern oder Wunderheilerinnen geschleppt oder vergewaltigt wirst. Im Fall der lesbischen Mädchen, damit sie gegen ihren Willen Mütter werden.

EH | War es schwer, deine Protagonistinnen zu finden? Ihr Vertrauen zu gewinnen? Man sollte erwähnen, dass sie nicht nur Fang sind wie du. Eine ist Bubi, also von der Ethnie, die auf der Insel Bioko lebt, eine andere eine Immigrantin aus einem englischsprachigen Land Afrikas, die dritte kommt von Annobón, 350 Kilometer vor der Küste Gabons. 

TMO | Wenn du in Guinea zur LGBT-Community gehörst, findest du schnell Kontakt, denn die einzige Struktur, in der du aufgehoben bist, ist eben die der homo- oder anderssexuellen Menschen. Kennst du eine Person, lernst du die nächste kennen. Das war also kein Problem. Aber ich bin Journalistin. Und in Guinea haben die LGBT-Personen mit Journalisten nur schlechte Erfahrungen gemacht. Denn die Medien stellen sie als Kranke, Delinquentinnen und Hexen dar. Sie filmen sie, damit die Polizei sie dann leichter finden kann. Das war das erste Hindernis. 

Das zweite war, dass ich einen Fragenkatalog erstellt hatte. Ich hatte mir vorgenommen, zuerst werde ich das fragen, dann das, als Drittes jenes. Aber die Frauen, die ich interviewen wollte, waren völlig zerstört. Ich konnte sie nicht zwingen, mir etwas zu erzählen, wofür ihnen die Worte fehlten. Sie erzählten mir nur, was sie erzählen wollten und erzählen konnten. Denn viele von ihnen haben das, was sie mitgemacht haben, nicht einmal sich selbst eingestanden. Das ist ein Teil ihres Unglücks. Oft habe ich geweint. Aber erst nach dem Interview, nicht in ihrer Gegenwart. Ich wollte sie ja spüren lassen, dass es gut ist, wenn sie reden. Dass das, was sie erlebt haben, schrecklich ist, aber deswegen die Welt nicht untergeht. Dabei wusste ich, dass sich viele von ihnen nicht wieder von ihrem Trauma erholen würden. Auch beim Abtippen der Aufnahmen habe ich geweint. Es ist mein härtestes Buch geworden. Und es ist das Buch, bei dem ich am meisten gelernt habe. 

Das Studium hat mir dabei absolut nichts geholfen. Denn an der Universität hieß es: Wenn man jemanden interviewt, muss man zuerst darauf achten, dass sich die betreffende Person in die Gesprächssituation einfindet und dass man sie in einer angenehmen Atmosphäre befragt. Nur, wenn ich sah, wie sie lebten, fiel mir keine angenehme Umgebung ein. Was machst du, wenn sie dir gleich zu Beginn sagen, du sollst ihnen drei oder vier Flaschen Bier kaufen, weil sie ohne Alkohol nicht zu sich selbst finden? Sagst du, zuerst werde ich dich vom Trinken wegbringen und dann wirst du dich an die Interviewsituation anpassen? Ich musste mich an ihren Modus Vivendi anpassen, um zu verstehen, warum sie so leben, wie sie leben, und um es dann erzählen zu können. Das war sehr schwer, denn fast alle haben mir gesagt: Niemand will mich, die Familie will mich nicht. Und wenn in Guinea die Familie dich nicht will, bist du wirklich aufgeschmissen.

»IN MEINER WHATSAPP-GRUPPE VERGEHT KEIN TAG, AN DEM NICHT JEMAND DEN GEWALTSAMEN TOD EINER KUSINE, EINES ONKELS, EINES NEFFEN MELDET. WARUM SIE UND NICHT ICH? DESHALB LEBE ICH, ALS GÄBE ES KEIN MORGEN. ICH WEISS NICHT, OB ICH DEN NÄCHSTEN TAG NOCH ERLEBEN WERDE. NICHT SO SEHR DESHALB, WEIL MIR ALS SCHRIFTSTELLERIN ETWAS PASSIEREN KÖNNTE, SONDERN WEIL ICH GUINEERIN BIN, WEIL ICH IN DIESEM LAND LEBE.«

EH | Bist du noch in Kontakt mit den Frauen, die dir ihr Leben erzählt haben?

TMO | Mit allen. Ich bin mit der Geschichte von jeder Einzelnen von ihnen verbunden. Wenn sie Probleme haben, rufen sie mich an, wenn nicht, machen sie es auch. Ich treffe sie weiterhin. Der Kontakt ist aufrecht.

EH | Äquatorialguinea ist heute der viertgrößte Erdölproduzent Afrikas, bei einer Fläche, die kleiner ist als die Belgiens. Du hast einmal erwähnt, dass wegen des Ölbooms die Leute vom Land in die Städte abwandern. Glaubst du, dass diese Entwicklung die Traditionen, das Verhalten der Familien, der Stämme, der Institutionen wie Armee und Polizei gegenüber den LGBT-Personen verändern wird?

TMO | Es ist keine bewusste Veränderung, oder anders gesagt, es gibt keinen politischen Willen, der auf Integration und Inklusion gerichtet wäre. Die Veränderung ist sozusagen ein Kollateralschaden des Ölbooms. Du kannst Bata oder Malabo, die beiden Städte, in denen die ausländischen Unternehmen ihre Leute sitzen haben, nicht in Geschäftszentren verwandeln, europäische Investoren anlocken, und dann gibt es kein Internet. Sie wollen per WhatsApp kommunizieren, sie wollen ein zumindest bescheidenes kosmopolitisches Leben führen. Das bedeutet, dass dein Nachbar, der mit dem Erdöl vielleicht gar nichts zu tun hat, der kein Amerikaner und auch kein Franzose ist, einen WLAN-Zugang hat. Wie hat denn in Spanien der Wandel begonnen? Damit, dass das Franco-Regime das Land dem Tourismus geöffnet hat. Dann kamen die Deutschen, die Briten, sie brachten eine andere Lebensweise mit, und die Einheimischen sagten: So geht es ja auch. 

Also zurück zur Frage, ob der Wandel Einfluss auf die Lebensumstände der LGBT-Community haben wird: Er beeinflusst sie ja schon. Warum? Weil in unserem Land die ersten Frauen, die sagen: »Ich wollte gar nie Mutter werden«, zur Community gehören. »Ich will Mutter sein, wenn ich es bestimme, aber nicht so!« Wie gesagt, die Veränderungen kommen nicht infolge einer politischen Entscheidung, aber sie haben Folgen für das Milieu, in dem die LGBT-Personen leben, und diese nutzen sie, um die Augen aufzumachen und sich zu vernetzen und zu erfahren, was auf der Welt vor sich geht. »Was, ein Schwuler ist Bürgermeister von Berlin. Es geht also.« »Was, ein Präsidentschaftskandidat in Algerien ist schwul. Toll!«

EH | Nützt dieser »Kollateralschaden« auch dir selbst? Wenn man deine Bücher liest, bekommt man Angst um dich. Schließlich schreibst du in Opposition zur Gesellschaft und nimmst dir kein Blatt vor den Mund. Hilft dir wenigstens die Anerkennung im Ausland?

TMO | Wenn du sagst, was du denkst, und dir nicht bei jedem Wort überlegst, ob es noch zulässig ist, machst du dir in Guinea keine Freunde. Natürlich ist mir klar, dass ich jederzeit in Black Beach [einem berüchtigten Foltergefängnis auf Bioko, Anm.] landen kann. Im Moment, in dem ich Guinea verlasse, werde ich als Schriftstellerin respektiert. In Spanien, in Lateinamerika, überall auf der Welt nehmen mich die Leute ernst. Ich erfahre Anerkennung. Das passiert, wie gesagt, außerhalb der Grenzen Guineas. Innerhalb der Grenzen nicht. 

Aber es gibt da etwas, bei uns, die wir in Guinea aufgewachsen sind: Wir haben den Tod verinnerlicht. Denn wir leben mit ihm. Du machst den Fernseher an. Siehst die Nachrichten. Zweiundzwanzig von dreißig Meldungen sind Todesfälle. In meiner WhatsApp-Gruppe vergeht kein Tag, an dem nicht jemand den gewaltsamen Tod einer Kusine, eines Onkels, eines Neffen meldet. Warum sie und nicht ich? Deshalb lebe ich, als gäbe es kein Morgen. Ich weiß nicht, ob ich den nächsten Tag noch erleben werde. Nicht so sehr deshalb, weil mir als Schriftstellerin etwas passieren könnte, sondern weil ich Guineerin bin, weil ich in diesem Land lebe. Mir kann jederzeit etwas zustoßen. Wenn man mich fragt: Hast du denn keine Angst, dann antworte ich: Ja, ich sollte Angst haben, aber ich bin hier aufgewachsen und finde es normal. Und das ist, glaube ich, ein Fall für die Pathologie. In Guinea leiden wir an einer Krankheit, die darin besteht, das Anormale normal zu finden. Dafür müssten wir eigentlich psychologisch behandelt werden.

EH | Und wie geht es dir als Schriftstellerin? Wir hören immer dasselbe, wenn von der Literatur in Äquatorialguinea die Rede ist: dass es im ganzen Land nicht eine Buchhandlung, nicht einen Verlag, nur eine einzige Bibliothek gibt und dass nicht nur das literarische, sondern überhaupt das künstlerische Schaffen missachtet wird.

TMO | So ist es.

EH | Gibt es Leute um dich herum, deiner Generation, mit denen du dich gut verstehst? Damit ihr euch wenigstens gegenseitig stärken könnt?

TMO | Ich weiß nicht, ob wir uns gegenseitig stärken oder ob wir einfach nur überleben. Literatur, Kunst interessiert in Guinea niemanden. Deshalb erhalten die Leute, die sich in Guinea literarisch betätigen, keinerlei Unterstützung. Ich erinnere mich, wie mein erster Artikel in einer Zeitschrift erschienen ist. Ich war außer mir vor Freude und nahm ein paar Exemplare mit, um sie in meiner Familie zu verteilen. Eines gab ich einem Onkel. Wozu, fragte er. Ich sagte: Weil ein Artikel von mir abgedruckt ist. Er: Davon kann man nicht leben, das bringt kein Geld. Weder er noch sonst jemand von meinen Angehörigen wollte die Zeitschrift haben. Ich wollte sie im Freundeskreis verschenken – auch kein Interesse. In Guinea interessiert nur das Geld. Das Erdöl repräsentiert den Gipfel unserer politischen, sozialen und ökonomischen Enttäuschung. Denn mit dem Öl, so wurde uns gesagt, hätten wir für immer ausgesorgt. Das war überall zu hören, bei offiziellen Anlässen, im Fernsehen, in der Familie, in der Schule. Wir sind reich, ein reiches Land, ein aufstrebendes Land. Jetzt sind wir ein Volk von Habgierigen. Alle wollen zu Geld kommen, um dann mit ihrem Reichtum protzen zu können. Was willst du da als Künstlerin, wenn deine Kunst nichts abwirft. In anderen Ländern, sogar in den reichen, will man sich durch Kunst hervortun. In Frankreich, in den Vereinigten Staaten, in Österreich … Geh nach Guinea, und sie werden dich fragen: Haben Sie Geld dabei?

EH | Letztes Jahr bist du zur Mujer Ideal de Guinea Ecuatorial, zur »idealen Frau Äquatorialguineas«, gekürt worden. Die Stelle, die den Preis vergibt, ist vielleicht nicht besonders vertrauenswürdig. Aber ist eine solche Ehrung nicht doch ein Zeichen, dass sich etwas ändert? Oder liege ich falsch?


TMO | Weder noch. Es ist eine Stiftung, die diese Preise vergibt. Ansonsten geht es ihr um Mode. Aber jedes Jahr verleiht sie Preise, die die Arbeit von Frauen auf verschiedenen Gebieten anerkennen. Im Jahr vor mir wurde Anastasia Nzé ausgezeichnet, eine Feministin, die sich speziell gegen
sexuelle Gewalt engagiert. In diesem Jahr Josefina Mbang, die Kampagnen zur Aids-Bekämpfung durchführt. In Guinea sind enorm viele Menschen HIV-positiv. Von daher gesehen hat der Preis seine Meriten. Aber das heißt nicht, dass es mit diesem Land aufwärtsgeht.


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