N°12 | REZENSIONEN | 31.10.19

Eine Sozialgeschichte der Deindustrialisierung

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VON FELIX WEMHEUER

Lutz Raphael

JENSEITS VON KOHLE UND STAHL

Eine GesellschaftsgeschichteWesteuropas nach dem Boom

Suhrkamp, 2019, 525 Seiten EUR 32,90 (AT), EUR 32,00 (DE), CHF 43,90 (CH)

Der »Malocher« tritt uns heute in Filmen und Industrietourismus in erster Linie als Figur der Vergangenheit entgegen. Lutz Raphael, Professor an der Universität Trier, hat mit Jenseits von Kohle und Stahl eine Sozialgeschichte der Deindustrialisierung sowie des damit verbundenen Wandels der Arbeitswelt vorgelegt. Im ersten Teil des Buches wählt der Autor die Darstellung einer »Vogelperspektive«, im zweiten von »Nahaufnahmen« mit einem Fokus auf Erwerbsbiografien. Er beschreibt diesen Wandel anhand von drei Fallbeispielen: Zwischen 1975 und 2012 gingen in Frankreich und Großbritannien die Hälfte aller Arbeitsplätze in der Industrie verloren und in der Bundesrepublik Deutschland ein Viertel. Von diesem Schrumpfungsprozess waren besonders Kohle- und Stahlindustrie betroffen, die einst die Bastionen der gut bezahlten und gewerkschaftlich organisierten, überwiegend männlichen »Malocher« waren. Eine zentrale These von Raphael ist, dass die Deindustrialisierung in Großbritannien und Frankreich mit heftigen Klassenkonflikten verbunden war. Die Regierung unter Thatcher (1979–1991) kündigte die »Sozialbürgerschaft« der Briten auf und entmachtete die Gewerkschaften. In Frankreich gab es zwar nach 1968 ein Jahrzehnt der »Nichtunterwerfung« mit Arbeitskonflikten, die zum Teil sogar in Fabrikbesetzungen mündeten. Die Regierung unter Mitterrand (1981–1995) versuchte anfangs, im Unterschied zu Großbritannien, durch Verstaatlichungen und die Verbesserung von Arbeitsrechten die »Sozialbürgerschaft« zu erneuern.

In Westdeutschland erkaufte sich die Bundesregierung hingegen den sozialen Frieden, indem die Kernbelegschaften von Kohle und Stahl mit großzügigen Regelungen früh in Rente geschickt wurden. Kam es trotzdem
zu größeren Protesten, konnten diese durch den zeitlichen Aufschub der Werksschließungen befriedet werden. Während die alten Metropolen sozial abstiegen, zeigten sich industrielle Klein- und Mittelbetriebe, vor allem im ländlichen Süden Deutschlands, erstaunlich flexibel, um auf neue technologische Herausforderungen zu reagieren. Weniger rosig sähe der deutsche Fall aus, wenn Raphael die »Abwicklung« der ostdeutschen Industrie durch die Treuhand stärker einbezogen hätte. Dort gingen im Bergbau und in der Metallindustrie allein zwischen 1990 und 1993 mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze verloren.

Jenseits von Kohle und Stahl ist eine Fundgrube für interessante Statistiken und empirische Studien. Kritisch bleibt anzumerken, dass der Wandel der Geschlechterverhältnisse und die Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse durch Einwanderung zwar erwähnt werden, aber die Argumentation des Autors davon weitgehend unberührt bleibt. Raphael kann sich auch nicht entscheiden, ob es heute keine Arbeiterklasse mehr gibt oder ob diese bloß durch Mainstream-Diskurse in Medien und Wissenschaft unsichtbar gemacht wird. Insgesamt ist sein Buch aber ein guter Ausgangspunkt für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem historischen Wandel der Klassenverhältnisse in Westeuropa.

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