N°12 | REZENSIONEN | 31.10.19

Wallerstein und der Kapitalismus 

Am 31. August ist Immanuel Wallerstein verstorben. Der Begründer der Welt-system-Analyse war ohne Zweifel einer der bedeutendsten Soziologen und Historiker des 20. Jahrhunderts. Über mehrere Jahrzehnte prägte er die Debatten über »Entwicklung« und »Kapitalismus«.

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VON ANDREA KOMLOSY

Immanuel Wallerstein

WELT-SYSTEM-ANALYSE
Eine Einführung
Springer VS, 2019, 123 Seiten
EUR 51,39.- (AT), EUR 49,99.- (DE), CHF 68,00.- (CH)


Am 31. August ist Immanuel Wallerstein verstorben. Der Begründer der Welt-System-Analyse war ohne Zweifel einer der bedeutendsten Soziologen und Historiker des 20. Jahrhunderts. Über mehrere Jahrzehnte prägte er die Debatten über »Entwicklung« und »Kapitalismus«. Sein vierbändiges Hauptwerk Das kapitalistische Weltsystem ist in deutscher Sprache im Wiener Promedia Verlag erschienen. Aus Anlass seines Todes sei jedoch auf ein anderes Buch aus seinem umfangreichen Werk verwiesen: Welt-System-Analyse: Eine Einführung – erst 2019 ins Deutsche übersetzt – bietet einen lebendigen, dichten und gleichermaßen leicht zugänglichen Einstieg in den Gedankenkosmos von Wallerstein.

Wallerstein stellte in den 1970er Jahren die Art und Weise, Kapitalismus zu denken, auf eine völlig neue Grundlage. Dabei nahm er, wie das erste Kapitel der Einführung deutlich macht, unterschiedliche Debattenstränge auf, nicht zuletzt von Marx und nachfolgenden Marxistinnen. Wallerstein legte den Hauptakzent dabei weniger auf den Antagonismus zwischen Kapital und Lohnarbeit als auf die weltweite Ungleichheit zwischen Erdteilen und Regionen: Seit dem 16. Jahrhundert und angetrieben von Konkurrenz und Expansion breitete sich das kapitalistische Weltsystem aus. Im Gegensatz zu dem bis heute immer wieder als Grundüberzeugung vorgetragenen liberalen Mantra – mehr Kapitalismus bedeutet á la longue mehr Reichtum für alle, auch im Sinne einer abnehmenden ökonomischen Ungleichheit – zeigte Wallerstein den gegenteiligen Effekt: Es kommt in der vom Kapitalismus dominierten Sphäre zu einer hierarchischen Anordnung von Zentren und Peripherien. Unter dem Einfluss globaler Konjunkturzyklen und dem Wandel geopolitischer Vormacht entstanden dabei stets neue Konstellationen von Führung (Zentren), Zwischenpositionen (Semi-Peripherien) und abhängigen Gebieten (Peripherien). Damit verbunden waren und sind ungleicher Tausch und Werttransfer von der Peripherie in die Zentren, die Herausbildung globaler Güterketten oder das Nebeneinander von freier und unfreier Arbeit.

In späteren Jahren prägte Wallerstein dafür den Obergriff »axiale Arbeitsteilung«, eben weil dieser Prozess für ihn die zentrale »Achse« der über einzelne Staaten und Regionen hinausgehenden historischen Entwicklung darstellte. Wie das Einführungsbändchen zeigt, wollte Wallerstein aber seine Analyse nicht auf das Ökonomische reduziert sehen: Auf seine Grundanalyse aufbauend entwickelte er eine Reihe von Beobachtungen zur Entwicklung der Wissenschaften, der Ideologien oder der sozialen Bewegungen.

Kritik erntete Wallerstein von verschiedenen Seiten, auf einige davon geht er in diesem Bändchen selbst ein. Es bleibt zugleich frappierend, in welchem Maße Wallersteins Gedanken über die Jahrzehnte hinweg standhielten, ja aktuelle Diskussionen gedanklich vorweg nahmen: Anschlussfähig für Feministinnen ist z.B. sein umfassender Arbeitsbegriff, der bezahlte und unbezahlte Arbeit in vielerlei Kombinationen im Familienhaushalt als Gegenstand der Ausbeutung einschließt. Auch die Erkenntnisse von Thomas Piketty oder Branko Milanovic – zwei jüngere Kultautoren zum Thema ökonomische Ungleichheit – fand man in seinen Schriften argumentativ bereits seit langem. Was Wallerstein derweil besonders auszeichnete: die Fähigkeit über den Kapitalismus hinauszudenken. Dies machte ihn bei Befreiungsbewegungen, Sozialforen und Kritikern der Globalisierung zu einem beliebten Autor und Gesprächspartner. Ein Grund mehr, sich sein Denken neu zu erschließen – wäre nicht der prohibitive Preis der Druckfassung, dieses Einführungsbändchen würde sich bestens dafür eignen.

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