N°6POLITIK | 27.05.20

Zeit für Solidarität

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Von Samuel Stuhlpfarrer

Seid ihr dazu bereit, für jemanden, den ihr nicht einmal kennt, genauso zu kämpfen, wie für euch selbst?« Diese Frage stellte Bernie Sanders in fast jeder seiner Wahlkampfveranstaltungen in den vergangenen Monaten. Nach einem vielversprechenden Start sollte die Kampagne für das demokratische Ticket bei den US-Präsidentschaftswahlen am Ende bruchlanden. Auf Seite 12 unterzieht Tyma Kraitt das Projekt des linken Senators aus Vermont einer kritischen Bilanz – genauso wie unsere eigenen Einschätzungen seiner Chancen, die in der Vergangenheit bisweilen allzu optimistisch geraten sind.

Unabhängig vom Ausgang der Primaries, bleiben Sanders´ Fragen weiter aktuell, gewinnen in Zeiten von Pandemie und heraufdräuender Wirtschaftskrise noch an Relevanz: Sind wir, ist jeder und jede von uns, dazu bereit, Zeit, Energie und finanzielle Mittel einzusetzen – und zwar für einen Zweck, der sich nicht am eigenen Vorteil bemessen lässt? Sind wir dazu bereit, für jene einzustehen, die – wieder Sanders – »wirtschaftlich kämpfen«, die »in Schulden untergehen«, »für Generationen an Menschen, die noch nicht einmal geboren wurden«, kurz: Sind wir bereit für Solidarität?

Für das TAGEBUCH hat sich diese Frage seit Beginn der Corona-Krise in zweifacher Hinsicht gestellt. Einmal, in Bezug auf das eigene Schicksal: Wird es Menschen geben, die dieses ohnehin prekär angelegte Projekt angesichts der dramatischen Umsatzeinbußen in den vergangenen Wochen stützen werden? Ein anderes Mal, als Frage an diejenigen, für die wir schreiben: Wer wird sich in diesen Zeiten mithin hochpreisige Medienprodukte noch leisten können? Wie lassen sich also die Produktion progressiver Inhalte und deren Inanspruchnahme in Einklang bringen? 

Die Unterstützung, die Sie uns zuletzt zukommen haben lassen, hat uns die Auswirkungen der Corona-Krise bislang überstehen lassen. Darüber hinaus hat sie uns dazu ermutigt, ein neues Modell zu entwickeln, das es auch Menschen mit geringen finanziellen Möglichkeiten künftig erlauben soll, das TAGEBUCH zu abonnieren. 

Mit Erscheinen der vorliegenden Ausgabe wandeln wir alle Spenden, die wir in den letzten zweieinhalb Monaten erhalten haben, in kostenlose oder ermäßigte Abos um. Künftig wird jede Spende ein solches Abo (mit-)finanzieren. Das hilft nicht nur uns, es unterstützt auch all jene, die vor dem Hintergrund von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit unter Druck geraten. Der Preis eines Förderabos erhöht sich geringfügig um 15 auf 150 Euro und finanziert ab sofort automatisch ein kostenloses Abo mit; das bisherige Compa-Abo ermöglicht gleich vier Subskriptionen für Menschen, die sich ein reguläres Abo nicht leisten können. Jene wiederum, die ein kostenloses oder reduziertes Abo zeichnen, möchten wir darum bitten, nach eigener Einschätzung einen Rabatt zwischen 25 und 100 Prozent zu wählen. Denn jeder Betrag, der im Topf bleibt, kommt jemandem zugute, der oder die nachkommt, um ein – wie wir es nennen wollen – »Abo sospeso« zu zeichnen. 

Der Name verweist auf die neapolitanische Tradition des Caffè sospeso, was so viel wie »aufgeschobener Kaffee« bedeutet. Darunter versteht man die seit über hundert Jahren etablierte Gepflogenheit, im Kaffeehaus oder in einer Bar zwei Kaffees zu bezahlen: einen, den man selbst trinkt, und einen, den man einem oder einer Unbekannten spendiert. Der Caffè sospeso ist ein Beispiel gelebter Solidarität, dafür also, wie sich Menschen in schweren Zeiten gegenseitig und selbstorganisiert unter die Arme greifen können.

 Um Solidarität unter schwierigen Bedingungen geht es auch in Bong Joon-hos Film Snowpiercer. Anhand der Film-Dystopie des südkoreanischen Regisseurs (Parasite) und in Referenz auf Walter Benjamins geschichtsphilosophische Thesen vermisst Raul Zelik in dieser Ausgabe unsere Zeit (Seite 42): »Ein Zug rast über die eisbedeckte Erde. Während das Leben außerhalb der Waggons unmöglich geworden ist und die verlassenen Städte nur noch als erstarrte Kulissen vorüberfliegen, ist im Zug selbst eine erbarmungslose Klassenherrschaft etabliert worden«, schreibt Zelik. Wir bringen den Essay, der Ende Juni im neuen Buch Wir Untoten des Kapitals des Berliner Autors und Politikwissenschafters bei Suhrkamp erscheinen wird, als Vorabdruck. In Snowpiercer machen sich die Überflüssigen aus den hinteren Waggons in Richtung Maschinenraum auf. Am Ende wird der Zug von einer Explosion erschüttert und entgleist. Zelik: »Der Weg ins Freie steht offen. Die Revolution ist die Notbremse, die die Lokomotive zum Stehen bringt. Was folgt, ist der Exodus in eine harte, aber überwältigend schöne Natur.«