N5 | REZENSIONEN | 01.05.2021

Arbeiter und rechte Sympathien

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VON ANGELIKA STRIEDINGER



Klaus Dörre

In der Warteschlange

Arbeiter*innen und die radikale Rechte

Westfälisches Dampfboot, 2020, 355 Seiten


Wie kann es sein, dass immer mehr Arbeiter und Arbeiterinnen – und zwar auch jene, die gewerkschaftlich organisiert und aktiv sind – mit rechten Ideen sympathisieren und rechtsextreme Parteien wählen? Diese Frage drängte sich Klaus Dörre in den späten 1980ern auf, als er für seine Doktorarbeit Interviews mit jungen Gewerkschaftern führte und überrascht feststellte, dass viele die Programmatik rechter Parteien gegenüber Migranten und Migrantinnen für richtig und wichtig hielten. Immer wieder kehrte Dörre in den darauffolgenden Jahrzehnten zu dieser Frage zurück. In der Warteschlange bietet einen Streifzug durch diese Forschung, bereichert um den Grundton einer »rechten Tiefengeschichte«, und hält bei den Wegmarken inne, die die zunehmende Radikalisierung rechter Tendenzen in der Arbeiterschaft erklärbar machen.

Eine bittere – aber gleichzeitig auch aktivierende – Feststellung zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch: So hätte es nicht kommen müssen, und so muss es auch nicht weitergehen. Am deutlichsten wird diese Feststellung im Begriff des »Problemrohstoffs«: Globalisierung der Wirtschaft, Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse, Finanzkrise und Fluchtbewegungen – all diese Entwicklungen liefern Problemrohstoffe, die von politischen Akteurinnen verarbeitet werden müssen. Sie können, wie die jüngste Geschichte zeigt, zu rechtspopulistischen Orientierungen synthetisiert werden – aber das ist bei weitem kein zwangsläufiger Prozess. Wie das geschieht, ob daraus also linke oder rechte Orientierungen entstehen, das wird wesentlich von den politisch Handelnden mitgestaltet.

Es scheint offensichtlich, dass linke und progressive Bewegungen diesen »Problemrohstoff« nicht verwerten konnten – oder zumindest deutlich weniger effektiv als rechte Bewegungen. Im Kontrast zu diesem Unvermögen steht die Tatsache, dass es unter Industriearbeitern in den frühen 2000ern, und dann noch mal verstärkt nach der Finanzkrise 2008, durchaus Kritik an den sozialen Verhältnissen und am kapitalistischen System gab. Warum blieb dieser Antikapitalismus »politisch heimatlos«, warum wurde Internationalismus vom gewerkschaftlichen Kampfbegriff zu einer Waffe multinationaler Wirtschaftstreibender? In mehreren soziologischen »Tiefenbohrungen« im gewerkschaftlichen Arbeitermilieu fördert Dörre Alltagsverständnisse zutage, stellt sie in Verbindung mit politischen Strategien und großen Entwicklungen und formuliert prägnante Gesellschaftsdiagnosen.

Welche Schlüsse zieht Dörre für gewerkschaftliche und progressive Bewegungen? Das Problem rechter Radikalisierung keinesfalls ignorieren, Allianzen bilden für soziale und ökologische Nachhaltigkeit, Foren gewerkschaftlicher Selbstreflexion schaffen. So wichtig die abschließend formulierten Bemerkungen im Buch sind: Mindestens ebenso notwendig ist der eingangs eingeforderte Mentalitätswechsel weg vom verbreiteten Selbstbild der Arbeiterschaft als Großgruppe im Niedergang hin zu einem aufgewerteten und verbindenden Klassenbewusstsein. Einem Selbstbild, das ohne Abwertung anderer auskommt und weiß, dass ohne die Arbeiter und Arbeiterinnen keine gesellschaftlichen Mehrheiten zu erreichen sind.