N°3REZENSIONEN | 27.02.20

Der Vater in der Hauprolle

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VON ANDREA HEINZ

Christian Baron
EIN MANN SEINER KLASSE Claasen, 2020, 288 Seiten
EUR 20,60 (AT), EUR 20,00 (DE), 28,90 CHF (CH)

Geschichten über das Aufwachsen in Armut, mit prügelnden, trinkenden, der liebenden Zuwendung kaum befähigten Vätern, werden langsam zum eigenen Genre. Nach Didier Eribons Rückkehr nach Reims oder Édouard Louis Wer hat meinen Vater umgebracht, das noch bis 11. März als Dramatisierung am Wiener Volkstheater zu sehen ist, erschien nun Christian Barons Ein Mann seiner Klasse. Baron, Redakteur beim Freitag, wird 1985 in Kaiserslautern als zweites von vier Kindern in eine bitterarme Familie geboren. Der Vater arbeitet als Möbelpacker, ist ein schwerer Trinker, prügelt Frau und Kinder. Die Mutter, die Baron als kluge, warmherzige Frau beschreibt, leidet unter Depressionen. Sie stirbt jung an Krebs. Baron bezieht sich mehr oder weniger direkt auf Eribon und Louis; nicht nur im Titel, der auf die Klasse als bestimmenden Faktor verweist, sondern auch deutlich im Text, indem er fragt: »Wer oder was hat meinen Vater umgebracht?« (Im Gegensatz zu Louis’ Vater ist seiner wirklich tot.) Baron hat Politikwissenschaft und Soziologie studiert – aber ein analytischer Zugang zu diesen Fragen fehlt dem Buch, auch wenn er gleich zu Beginn anklingt: »Unser Vater war ein Mann seiner Klasse. Ein Mann, der kaum eine Wahl hatte, weil er wegen seines gewalttätigen Vaters und einer ihn nicht auffangenden Gesellschaft zu dem werden musste, was er nun einmal war.« Damit scheint die Sache aber schon erledigt zu sein. In den unter verschiedenen Schlagwörtern (»Schmerz«, »Liebe«) gruppierten Erinnerungen bleibt Baron großteils in seiner Kinderperspektive verhaftet. Die Eltern haben keine Namen, sie tauchen nur als Mutter und Vater auf. Das Brutale, die Grausamkeit erscheinen in ihrer Anekdotenhaftigkeit, der flapsigen Sprache fast wie normale Familienunternehmungen. »Wollte er sein Werk also diesmal im Wohnzimmer vollbringen?« Natürlich sagt das einiges aus, schließlich ist Gewalt für Kinder, die sie erleben, Normalität. Es erschrickt genauso wie die Selbstverständlichkeit, mit der Baron sich die durch den Vater erfahrene Abwertung zu eigen macht, etwa wenn er über sich und seinen Bruder während eines Gewaltausbruchs schreibt: »Wir wollten verduften, hatten aber mal wieder die Hosen voll.« Da spricht nicht der Erwachsene, der das Verhalten seiner Eltern analysiert – sondern das Kind, das sich immer noch mit dem Vater identifiziert, von ihm geliebt werden will.

Die Offenheit, mit der Baron von seiner Kindheit erzählt, verdient Achtung. Sein Buch ist wichtig, weil es einen Einblick gibt in ein Deutschland, von dem man kaum etwas mitbekommt, das aber in Wahrheit einen großen Teil dieses reichen Landes ausmacht. Daneben hat es Schwächen und eklatante blinde Flecken. So wundert man sich, wie sich jemand dermaßen detailliert an seine Kindheit erinnern, Dialoge Wort für Wort wiedergeben kann. Dass ein großer Teil Imagination und Annäherung sein muss, lässt Baron unerwähnt. Und er scheint wenig Bewusstsein für den Faktor Geschlecht zu haben. Der Vater ist sowohl Täter als auch Opfer in dieser Geschichte, ihm gilt der Titel, um ihn dreht sich dieses Buch. Zwar ist eine Frau mit Baby, vermutlich Barons Mutter, auf dem Cover zu sehen. Es wird über ihre Jugend nachgedacht und mehrmals angedeutet, dass ihr auch ein anderer Weg möglich gewesen wäre. Wieso sie es aber nicht geschafft hat, den Mann zu verlassen, der sie und ihre Kinder schlug, sondern stattdessen weitere Kinder mit ihm bekam, das wird kaum thematisiert. Immer noch wird dem Vater die Hauptrolle gegeben – und nicht hinterfragt, was das womöglich mit dessen Verhalten zu tun hatte.

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