N°11REZENSIONEN | 30.10.20

Ein Schiff nach Nirgendwo

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Von Stefan Schmitzer

Jana Volkmann
AUWALD
Verbrecher Verlag, 2020, 184 Seiten
EUR 20,60 (AT), EUR 20,00 (DE),
CHF 28,90 (CH)

Dass der Roman Auwald just im Jahr 2020 mit seinen Lockdowns und Corona-Ausnahmezuständen erscheint, ist Zufall. Trotzdem ist es verlockend, so zu tun, als könnte Jana Volkmann, die auch für das TAGEBUCH schreibt, ihn, in Echtzeit, als Reaktion auf die Atmosphäre dieses Jahres geschrieben haben – als Intervention vis-à-vis den Vereinzelungsphänomenen in den Heimquarantänen. Denn unsere »neue Normalität«, von der allenthalben medial die Rede ist, sie scheint in dieser Erzählung einer Frau, die aus ihren Bindungen fällt, präfiguriert. (Freilich: nicht eins zu eins präfiguriert. Das Menschenleer-Werden der Stadt ist in Auwald sozusagen atmosphärisch angelegt; der Ausnahmezustand selbst ist viel diffuser.)

Ganz wörtlich sehen wir der Ich-Werdung der Protagonistin Judith zu: Die erste Hälfte des Romans ist in der dritten Person verfasst, erst die zweite Hälfte in Ich-Form. Diese Ich-Werdung hat die Form der Aufkündigung beider relevanten Beziehungen Judiths – zu ihrer Arbeit als Tischlerin und zu ihrer Partnerin. In einem Leben wie gefangen, das sie sich doch selbst so gestaltet hat, muss sich Judith selbst sabotieren, um überhaupt in die Lage zu kommen, jemand anders sein wollen zu können. Die Selbstsabotage nimmt die Gestalt des gezielten Aufsuchens mehrerer Zufälle an. Judith überrascht sich selbst, und nimmt die Folgen dieser Überraschungen als Ereignisse außerhalb ihrer Kontrolle hin. Die Welt erscheint deshalb beseelt und durchwaltet von einem Willen, der der Hauptfigur fremd ist: ihrem eigenen. Erst, als dieser fremde Wille Judith in die Lage bringt, sich selbst »in den Elementen aufzulösen«, entwickelt sie ihre eigene Stimme und kehrt ins Leben, ein anderes Leben, zurück.


WÖRTER: 468

LESEZEIT : 2 MINUTEN

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