9 | REZENSIONEN | 01.09.2021

Regellos und grenzgeil

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VON DREHLI ROBNIK

Monika Wulz, Max Stadler, Nils Güttler und Fabian Grütter (Hg.)
Deregulation und Restauration 
Eine politische Wissensgeschichte
Matthes & Seitz, 2021, 270 Seiten
EUR 22,70 (AT), EUR 22,00 (DE), CHF 25,90 (CH)


Was Neoliberalismus heißt, sei heute kompliziert(er), so die Herausgeber. Denn: Reine Kapitalmachtentgrenzungs-Dogmatik hat an Geltung eingebüßt. Und Marktentfesselung gilt heute nicht mehr als so eng mit soziokulturellen Liberalisierungen »nach ’68« verkoppelt. Dieser erhellende Band versteht Neoliberalismen als ein Zusammen von Deregulation und Restauration, zweier gegenstrebig und komplementär wirkender Dynamiken. Und da tritt heute das Restaurative stark hervor; etwa wenn vormals wirtschaftsliberal profilierte Parteien neoautoritär werden (AfD nach Lucke, ÖVP seit Kurz).

Ayn Rand, Jean-François Lyotard, Clifford Geertz oder Alan Greenspan – 15 Schlüsseltexte heterogener Deregulierungen (oder »liberal-reaktionärer Konstellationen«, wie es im Klappentext heißt) aus der Zeit zwischen 1929 und 2007 werden von deutschen und Schweizer Historikern und Historikerinnen kritisch kommentiert. Sie betreiben dabei eine »politische Ökonomie des Wissens« in Form einer Analyse von Argumentations- und Ausdrucksweisen. Und davon, wie ihnen Evidenz zukommt: in Netzwerken, Thinktanks, Medienstrategien, im Rahmen wirtschaftlicher und gouvernementaler Agenden. »Deregulation/Restauration« (oder: »Entgrenzung/Reterritorialisierung«), das ist ein Schema – eines, das im Spektrum der gut geschriebenen Texte flexibel bleibt und viel klarmacht.

Das reicht von divergenten Projektionen in ein vereinheitlichungsresistentes »Lokales« (zwischen dem ethno-alternativen Faible für informelle Märkte und neurechtem Ethnopluralismus) bis zur Diagnose, dass der »Artistic Research«-Diskurs »restaurativ-subversive Züge« trage, wie es da in Verdichtung gegensätzlicher Attribute heißt. Gemeint ist: Wird Kunst als Forschung formatiert, wertet das einen Sinn für Unvorhersehbares, der Routinen subvertiert, als Wissensform auf, restauriert bisweilen aber unter der Hand bürgerliche Kunstgenie-Denke.


WÖRTER: 448

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