Filme als politische Statements sind wieder gefragt. Und auch Regisseure, die sich politisch äußern, wie Florian Pochlatko, der im Steirersakko – vom Hochzeitsanzug seines Vaters, wie er erklärte – zur Eröffnung der Diagonale am Donnerstag kam. Nicht nur mit seinem Film, auch mit einer kurzen Rede vorweg machte Pochlatko klar, wo er sich politisch einordnet. Erfreut begrüßte er Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) im Saal und hielt mit der Erleichterung darüber, keinen Rechtsextremen vor sich haben, nicht hinterm Berg. Scharf kritisierte er die Umbesetzung des steirischen Kulturkuratoriums und massive Budgetkürzungen in der freien Szene. Als er seine Crew vorstellte, bemüht, jede einzelne Person ins Rampenlicht zu stellen, allen voran Producer Arash T. Riahi vom Kollektiv Golden Girls Film, waren ihm die Sympathien des Publikums schon zugetan. Er erhielt bereits vor der Projektion seines Debüt-Langfilms How to Be Normal and the Oddness of the Other World tosenden Applaus.
Now is the time of monsters
Der Film beginnt mit einer Art Oral History von psychiatrisch kranken Menschen, denen in schneller Folge ein Zitat Antonio Gramscis zur Seite oder gegenübergestellt wird: »The old world is dying: the new world struggles to be born – now is the time of monsters.« Dies führt zur Frage, inwiefern Gramsci und dessen politische Orientierung Programm sind – oder bloß als Dekor dienen. Der 1891 auf Sardinien geborene Gramsci war Schriftsteller, Politiker und marxistischer Philosoph. Er war Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Italiens und von 1924 bis zu seiner Verhaftung durch die Faschisten im November 1926 deren Vorsitzender. Im Gefängnis verfasste er 32 Hefte mit politischen und philosophischen Reflexionen, die später als bedeutendes Werk marxistischen Denkens rezipiert wurden. Seine Gesundheit litt schwer – nach zwei Hirnblutungen starb er 1937, kurz nach seiner Freilassung, mit nur 46 Jahren.
Neues sozialrealistisches Kino
Ob an Gramsci angelehnt oder nicht: Der Gedanke an ihn stellt die im Film erzählte Geschichte der 26-jährigen Pia in einen größeren Zusammenhang. Wir begegnen ihr in der Psychiatrie, aus der sie bald entlassen wird. Sie ist hellsichtig, klug, humorvoll, durchschaut die Hybris der Welt und wird gleichzeitig von Medikamenten für oder gegen ihre unterschiedlichen Stimmungszustände immer tiefer in genau den Wahnsinn getrieben, aus dem sie befreit werden soll. Wir drehen uns mit ihr im Kaleidoskop von Tabletten, Fressattacken, Träumen. Spüren ihre Sehnsucht danach, dazuzugehören, den Job in der Druckerei ihres Vaters, gut zu machen. Dann wieder sehen wir sie von außen. Wie sie ihr Gesicht an die Glasscheibe einer Bar drückt. Wie die Leute in der Bar sich amüsieren, sie filmen und fotografieren und direkt auf Instagram posten.
Psychische Erkrankungen sind bei all ihrer Tragik ein sehr zeitgeistiges Thema. Manche depressive Selbstauskunft in sozialen Medien geht sogar viral. Bei einem Film mit einer so charismatischen Hauptdarstellerin wie Luisa-Céline Gaffron und einem derart mitreißenden Soundtrack (u. a. Rosa Anschütz, Efeu, Jeansboy und Georg Danzer) besteht die Gefahr, Psychosen als coolen Ausweg aus der hässlichen Realität zu verherrlichen. Pochlatko gelingt die Gratwanderung mit unvergesslichen Dialogen, starken Bildern und einem sehr besonderen Humor.
Käsegesicht
Pia hat immer wieder das Gefühl, ihr Gesicht verloren zu haben und dass sich an dessen Stelle eine Scheibe Käse befände. Wir sehen, wie sie am Esstisch mit ihren Eltern sitzt, mit Plastikbesteck von Plastikgeschirr essend, um die Verletzungsgefahr zu minimieren, Käse vor dem Gesicht. Wir lachen, aber das Lachen bleibt uns im Hals stecken. Und doch hält es die Hoffnung lebendig, dass sich immer wieder alles ändern kann.
»Ist alles okay?«, fragt der Vater, eindrucksvoll gespielt von Cornelius Obonya neben der großartigen Elke Winkens als Mutter Elfie. Beide nehmen das Käsegesicht der Tochter nicht wahr. Und der Vater beantwortet sich seine Frage selbst: Alles ist okay. Obwohl er weiß, dass nichts okay ist, und selbst in eine Abstellkammer der Druckerei weinen geht.
Politische Schnitttechnik
In How to Be Normal und anderen Diagonale-Filmen wie Wenn du Angst hast, nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst von Marie Luise Lehner oder At Home I Feel Like Leaving von Simon Maria Kubiena verschmelzen Inhalt und Form auf erfrischende Weise. Beeindruckend, welche fulminanten Filme hierzulande mit Minimalbudgets gemacht werden. Das neueste österreichische Kino lässt die glattpolierten Regeln der internationalen Filmindustrie, nach denen die Gestaltung möglichst wenig vom Plot ablenken soll, auf revolutionäre Weise hinter sich. Es weiß wieder um die politische Komponente von Schnitttechniken und hat wenig Angst davor, die Zuschauer:innen könnten den Saal verlassen, falls das sogenannte »Thema« in den ersten Minuten noch nicht glasklar vor Augen stünde. Im Gegenteil, das Publikum nimmt vom Kinobesuch ein neues Paar Augen mit nach Hause.
Diagonale – Festival des österreichischen Films
diagonale.at
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