N°5KULTUR | 01.05.21

Beugung, Stehsatz, Zollfreiheit

Eine Materialsammlung zu aktuellen Entwicklungen beim Reden über deutschsprachige Gedichte, ausgehend von Christian Metz’ Beugung. Poetik der Dokumentation.

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VON STEFAN SCHMITZER

Stefan Schmitzer lebt und arbeitet als Autor, Performer und Kritiker in Graz.

Theodor W. Adorno führte 1966 ein Gespräch mit Arnold Gehlen über »soziologische Erfahrungen an der modernen Kunst«. Aus heutiger Sicht beide rührend altväterlich, sahen der fortschrittliche und der konservative Denker in der damals neuen Praxis staatlicher Kunstkäufe fürs Depot als »Standortförderung« einhellig eine Entwicklung, die sich wieder einrenken müsse: Bleibe doch der Kern der Kunst als sozialer Praxis die persönliche Beziehung des Sammlers zum Werk, mit dem er dann lebe

Wir wissen, wie anders das Feld sich entwickelt hat. Hito Steyerls Aufsatzsammlung Duty Free Art von 2018 bietet, trotz kunstweltlicher Fragerhethorik, eine gute Übersicht über den aktuellen Stand dieser Entwicklung: Was am Verhältnis von Echtheit, Marktwert, Qualität und den (Re-)Präsentationsorten der Kunstwerke ändert sich unter dem Eindruck neuester Informationstechnologie und angesichts der massiven Zuspitzung sozialer Konflikte weltweit? Welche neuen Erkenntnisinteressen werden in der bildenden Kunst denkbar?

Ungleich weniger wissen wir über mögliche Endpunkte der Entwicklung, die derzeit, mit fünfzig Jahren Verzögerung, das benachbarte Feld deutschsprachiger Kunstliteratur durchläuft. Einen Überblick zumindest darüber, was in diesem Zusammenhang gerade jetzt frisch denkbar wurde, bietet Christian Metz’ Essay Beugung. Poetik der Dokumentation, erschienen 2020. Metz dokumentiert als Literaturwissenschafter seine Quellen sorgfältig, und er scheint den Anspruch zu haben, sein Thema auf einen verständlichen, nicht unnötig komplizierten Begriff zu bringen.

Ob dieser Begriff etwas tatsächlich Neues an zeitgenössisch ästhetischer Praxis bezeichnet oder, wie bei der bildenden Kunst vor zwei Generationen, »nur« neue Arten, wie Leute über das (eigene) Schreiben schreiben, ist auf den ersten Blick nicht leicht zu entscheiden. Reden wir von der Produktion oder »nur« vom Reden über die Produktion – ein Meta oder zwei? (Und ist das just im Fall von Literatur nicht das Gleiche, da die Produkte aus demselben Stoff gemacht sind wie die Produktbeschreibungen, nämlich Sprache?)

Metz’ These, viel zu kurz gefasst: Zeitgenössische Dichtung habe neuerdings den Impuls entdeckt, dokumentarisch zu wirken. Lyrik sei also nicht mehr notwendig mit subjektivem Befinden und dessen Ausdruck befasst. Metz knüpft neben mehreren anderen Stichwortgeberinnen aus der ersten Reihe der gegenwärtigen Lyrik auch an Monika Rinck an, deren Göttinger Poetikvorlesung von 2019 – Wirksame Fiktionen – den Slogan enthielt: »Gute Gedichte sind Non-Fiction. Sie gehören in das Sachbuchregal.«

Laut Metz trete mit dieser Verschiebung an die Stelle eines ästhetischen Paradigmas der Reflexion – des Zurückwerfens von Licht auf eine Oberfläche, gelesen als Metapher für das Schreiben reflexiver Texte und für die Reflexion der Leserinnen auf die Texte – ein solches der Diffraktion, der Beugung. Beugung ist hier zu denken als Richtungswechsel oder veränderte Ausbreitung einer Wellenbewegung, wenn sie von einem Medium in ein anderes wechselt, wie Licht, das durch die Wasseroberfläche dringt oder durch eine Lücke, einen Spalt, und seine Eigenschaften ändert; mit besonderem Augenmerk darauf, womit sie nun interferiert (etwa: die Lichtwellen im Wasser, aufs Neue abgelenkt durch die Wellen des Wassers selbst).

Christian Metz
Beugung
Poetik der Dokumentation
Verlagshaus Berlin, 2020, 48 Seiten
EUR 8,20 (AT), EUR 7,90 (DE), CHF 11,50 (CH)

Mikael Vogel
Tier
Ein Tier schreibt als Mensch ein Gedicht über ein Tier
Verlagshaus Berlin, 2020, 48 Seiten
EUR 8,20 (AT), EUR 7,90 (DE), CHF 11,50 (CH)

Dietmar Dath
Stehsatz
Eine Schreiblehre
Wallstein, 2020, 108 Seiten
EUR 18,50 (AT), EUR 18,00 (DE), CHF 24,50 (CH)

Einfacher gesagt: Deutschsprachige Gedichte wollen Wirklichkeit nun dokumentieren; das führe dazu, dass sie weniger an einzelnen Gedanken oder Bildern interessiert sind als daran, durch welche Sorte von geschilderten Übergängen zwischen den Bildern und Sprechweisen sie welcherlei wirkliche Präsenz aufrufen können. Oder, noch einfacher, mit Leonard Cohen: »There is a crack in everything. That’s how the light gets in.«

Wir können dieser Vorstellung eines nichtreflexiven, immersiven Lesens »an Übergängen« auch und gerade dann misstrauisch gegenüberstehen, wenn die Diagnose offenbar stimmt und Metz seine Begriffe als überzeugende Importe vom angloamerikanischen Theoriekontinent fundiert. Subjektiv gibt es nur unsere Entwaffnung als reflexive, also »mündige« Leser zu fürchten. Problematischer ist die Sache mit Donna Haraway (Feminism and Technoscience, 1997) und Karen Barad (Meeting the Universe Halfway, 2007), von denen Metz seinen Apparat von Metaphern fürs Literarische aus der Welt wissenschaftlicher Wellen- und Teilchenmessungen übernimmt und modifiziert. Dieser Apparat ist angemessen und nützlich, er bringt uns tatsächlich etwas. Deshalb ist es keine Nebensache, wenn Haraway, Barad und durch sie vermittelt auch Metz ihn um den Preis erkaufen, dass sie den linguistic turn, versuchsweise radikalisiert, absolut setzen: »Mit dem Anthropozentrismus stellt die Theorie der Verschränkung gleichzeitig ›den repräsentationalistischen Glauben an die Macht der Wörter in Frage, schon vorhandene Dinge zu repräsentieren.‹« Es geschieht auf dieser Grundlage, dass dann Barad auch unwidersprochen die Ergebnisse der Quantenphysik, äh, literaturwissenschaftlich zu deuten sich ermächtigt.

Unverstellter erfreut registrieren wir hingegen, wie selbstverständlich sich die Arbeiten des viel zu früh verstorbenen Mark Fisher herumgesprochen haben. Metz wendet in Beugung Fishers System von politischen Ästhetiken der Abwesenheit, wie es in Das Seltsame und das Gespenstische ausgebreitet ist, auf Hendrik Jacksons Gedicht sein gelassen an: »Mit der Abwesenheit eines eigentlich Anwesenden, the eerie (bei Jackson: der Halbschlaf und seine Bilder), und der Anwesenheit des eigentlich Abwesenden, the weird (bei Jackson: der Raum, den es nicht gibt), hat Mark Fisher solche Inszenierungen des von ihm so genannten ›New Weird‹ belegt.«

Auf ganz anderem Weg als Metz in Beugung gelangt Mikael Vogel in Tier. Ein Tier schreibt als Mensch ein Gedicht über ein Tier zu einer Poetologie des dokumentarischen, nichtreflexiven Dichtens: Er spielt die Anforderungen durch, denen Lyrik unterliegt, wenn sie den zahlreichen wegen der Menschen aussterbenden Tierarten gerecht werden will, nähert sich also von einem vergleichsweise unkomplizierten, weil ethischen statt hermeneutischen Diskurs. Dieser entspricht dem Dokumentarprogramm, das er als Lyriker schon seit Jahren verfolgt: Wie geht man, wenn man das ernst nimmt, als Lyriker mit der Verantwortung um, die man als Angehöriger der Gattung Mensch für das Verschwinden so vieler Lebewesen trägt?

Spätestens hier wird sichtbar, dass die Programme von Metz und Vogel beide auf dem Anthropozändiskurs fußen, Daniel Falbs 2015 in derselben Reihe erschienenen Band Anthropozän. Dichtung in der Gegenwartsgeologie weiterdenkend. (Nebenbei: Falbs Übernahme jenes Begriffs aus dem Bestand der Erdwissenschaften in den der Lyrik stellt ein paradigmatisches Beispiel für jene Diffraktion oder Beugung dar, von der Metz redet.) Falb hat die Beobachtung auf einen Begriff gebracht, es habe der Mensch in den geologischen Bestand eingegriffen, das erfordere von den Dichtern einen neuen Blick auch auf die vertrauten Requisiten, sofern sie ans Geologische anknüpfen. Im harmlosesten Fall seien Gletscher, Halden, Gesteinsschichten im Fundus nicht mehr neben Sternen und Mondlicht, sondern neben Nachtkiosk und Coladose einzusortieren. Zu Ende gedacht aber verwirklicht das Impulse noch aus der Nachkriegszeit (Caillois, Celan usw.), und wir bekommen es im Ernst mit den »Lieder[n] […] / jenseits der Menschen« zu tun, die Celans bekannte Fadensonnen bloß als Paradox beleuchten: Gedichte vom Ende des Gattungswesens Mensch her gedacht, mit der unbelebten Natur als Subjekt.


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