N°9| KULTUR | 01.09.21

Die Schatten der Kulturrevolution

 

Fünf Jahre hat sich die Wiener Regisseurin Zhao Weina Zeit genommen, um den Traumata der chinesischen Kulturrevolution (1966–1976) in ihrer eigenen Familie nachzugehen. Am 3. September kommt Weiyena – Ein Heimatfilm in die österreichischen Kinos.

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VON FELIX WEMHEUER

Felix Wemheuer ist Professor für Moderne China-Studien an der Universität zu Köln.

WEIYENA
Ein Heimatfilm
Dokumentarfilm, Österreich, 95 Minuten, OmdU
Buch & Regie: Weina Zhao & Judith Benedikt

Stills: Filmladen

Obwohl Zhao Weina erst im Alter von vier Jahren nach Österreich kam, sind in ihrem chinesischen Vornamen die Zeichen von Wien (Weiyena) bereits enthalten. Eine Fügung, die für ihren – unter der Co-Regie von Judith Benedikt – schon letztes Jahr fertiggestellten Essay Weiyena – Ein Heimatfilm titelgebend sein sollte. Im Zentrum des Dokumentarfilms, der pandemiebedingt erst jetzt in den hiesigen Kinos anläuft, tritt Zhao selbst als Enkelin und Tochter auf, die die eigene »fragmentierte« Identität zwischen den Polen Wien und Beijing verstehen und die Brüche in der Geschichte ihrer Herkunftsfamilien offenlegen will.

Zhaos Großeltern väterlicherseits wuchsen in Armut auf dem Land auf. Eine Laufbahn des Großvaters als Facharbeiter in der Ölindustrie ermöglichte diesem Teil der Familie den sozialen Aufstieg in der Mao-Ära. Die Übersiedlung vom Dorf nach Beijing machte die Integration in den sozialistischen Wohlfahrtsstaat möglich, den es nur für Menschen mit Aufenthaltsgenehmigung in der Stadt gab. Dass er der Regierung in einer Szene für Rente und ärztliche Versorgung dankt, ist mehr als eine Floskel. 

Ganz anders die Familie mütterlicherseits. Zhaos Urgroßvater, Ying Yunwei (1904–1967), war ein berühmter Regisseur in der einflussreichen Filmindustrie Shanghais der 1930er Jahre. Die Großmutter arbeitete nach der kommunistischen Machtübernahme 1949 für die staatliche Nachrichtenagentur in Beijing und produzierte propagandistische Dokumentarfilme. Auf die Aufnahme in die kulturelle Elite der Volksrepublik folgte eine grausame Verfolgungsgeschichte.


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