6 | POLITIK | 01.06.21

Das Haar ist ab, der Glanz ist weg

Vor zehn Jahren trieb die Austeritätspolitik Hunderttausende Spanier auf die Straßen. Aus der Bewegung entstand die Partei Podemos. Nun zieht sich ihre Galionsfigur Pablo Iglesias aus der Politik zurück.

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VON CARMELA NEGRETE

Carmela Negrete lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.



Pablo Iglesias, ohne Amt und Pferdeschwanz, am 12. Mai in Madrid.

Foto: Dani Gago / AFP

Nachdem sein Bündnis Unidas Podemos (UP) Anfang Mai bei den Wahlen in der Region Madrid zur schwächsten Kraft im zukünftigen Stadtparlament geworden war, verkündete Pablo Iglesias seinen Rückzug aus der Politik. Obschon die Rechte in Madrid – mit Ausnahme des linken Interregnums von Manuela Carmena zwischen 2015 und 2019 – traditionell stark abschneidet, ihr jüngster Sieg war ein eindeutiger. Podemos muss sich nun auf die Suche nach einer neuen Führung machen, und auch bei der Izquierda Unida (IU, deutsch: Vereinigte Linke), die Teil des Bündnisses ist, deuten alle Zeichen auf eine Abrechnung mit der Parteispitze hin.

Wenige Tage nach dem Desaster von Madrid ließ sich Iglesias jedenfalls die Mähne schneiden. Noch im letzten spanischen Dörflein – von denen übrigens aufgrund der Abwanderung und Überalterung rund die Hälfte vom Aussterben bedroht ist – war die neue Frisur der Galionsfigur der spanischen Linken Gesprächsthema. Immerhin war Iglesias’ Pferdeschwanz das Symbol eines neuen Politikverständnisses in Spanien und häufig Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Selbst in »seriösen« Fernsehdebatten firmierte Iglesias ein ums andere Mal als »der mit dem Pferdeschwanz«.

Von der Bewegung zur Partei

Lange schon sollte die Matte ab, gab Iglesias nach etlichen Anfragen schließlich zu. Doch seine Berater waren dagegen. Was würde die Wählerschaft denken, wenn er das Regierungsbündnis mit den Sozialdemokraten des Partido Socialista Obrero Español (PSOE) einginge und sich kurz darauf seines Markenzeichens entledigte? Ein vorauseilender symbolischer Akt künftigen Wohlverhaltens? Und seine Gegner? Hätten sie sich gefreut, ihn beleidigt und mit Häme übergossen? Höchstwahrscheinlich. So wie sie es in den vergangenen sieben Jahren wieder und wieder taten, seit Iglesias erstmals zum Europaabgeordneten gewählt worden war und später Vizepräsident der ersten Koalitionsregierung nach dem Ende der Franco-Diktatur wurde.

Ähnlich wie Iglesias hat auch Alberto Rodríguez das Bild parlamentarischer Politik in Spanien verändert. Rodríguez trägt Dreadlocks, was ungewöhnlich ist für einen Abgeordneten im Congreso de los Diputados, dem Unterhaus des Parlaments; bisher war Rodríguez auch Organisationssekretär von Podemos – für diese Funktion will er nun nicht mehr kandidieren. Mit seinem Rollstuhl wiederum demonstrierte der Sprecher der UP-Fraktion, der Wissenschafter Pablo Echenique, dass der Plenarsaal nicht barrierefrei ist. Isoliert von seiner Fraktion musste er stets am Fuße der Abgeordnetenbänke parken. Die Podemos-Abgeordnete Pilar Lima stellte die Abläufe im von Grauhäuptern dominierten Senatssaal auf den Kopf, denn sie kommuniziert ausschließlich in Gebärdensprache. Und auch ein Baby durfte den Parlamentsdebatten beiwohnen, im Schoß seiner Mutter Carolina Bescansa, Podemos-Abgeordnete und Professorin an der Madrider Universität Complutense. Sie alle repräsentierten eine neue Zeit. Und die scheint vorbei zu sein.


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