N°12POLITIK | 30.11.20

Das Vorspiel zur Revolution 

Am 25. Jänner 2011 brachen in Ägypten Massenproteste aus, die zum Sturz des Diktators Hosni Mubarak führten. Die Bewegung wurde nicht nur von der urbanen Mittelschicht, von Bloggern oder den konservativen Muslimbrüdern getragen. 

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VON TYMA KRAITT
Tyma Kraitt ist Redakteurin des TAGEBUCH. 
FOTOGRAFIE: REINHARD LANG

»Du bist der, der die Pyramiden vor langer Zeit erbaute. Und in der heutigen Zeit bautest du uns den Damm in Assuan.« Mit diesen Worten besang die legendäre ägyptische Diva Umm Kulthum einst die Arbeiterschaft in ihrem nationalistischen Klassiker Das Recht deiner Heimat. Ein Recht, das im Ägypten des 20. und 21. Jahrhunderts gerne mit viel musikalischem Pathos eingefordert wurde, sich in den Lebenswirklichkeiten der Menschen oftmals aber als schweres Unrecht offenbarte. »Nicht einmal der Boden hier gehört uns noch. Nach Nassers Revolution wurden die Ländereien auf uns verteilt, aber das haben uns unsere Führer später wieder weggenommen. Sie behaupten, sie seien Muslime, aber schau dir doch an, was die dem eigenen Volk antun. Sie haben uns mit ihren Pestiziden Krankheiten gebracht. Sie haben uns besetzt und lassen uns hungern. Wir Bauern wurden mit Füßen getreten. Aber jetzt ist Mubarak weg. Es kann doch nur besser werden.« Diese Schilderung eines Landwirtes aus der Stadt Tanta im Nildelta stammt aus dem April 2011, nur wenige Monate nach Ausbruch der Revolte gegen die Diktatur. Sie ist beispielhaft für die Verzweiflung, die viele Menschen in den letzten Jahren unter Mubarak gefühlt haben müssen, aber auch für den Optimismus der damaligen Zeit. Begegnet waren wir uns bei der Durchreise, als ich mit einer Gruppe österreichischer Aktivisten zwecks Recherche auf dem Weg nach al-Mahalla al-Kubra war, einem wichtigen Hotspot des Aufstands.

Wie viele andere Regime in der Region – von Syrien bis Tunesien – hatte das ägyptische dem Autoritarismus einen neoliberalen Aufputz verpasst. Bereits in den 1970er Jahren wurden mit der Politik des Infitah die Weichen für die ökonomische Liberalisierung gestellt. Diese Wende hatte allmählich zur Aufkündigung des Herrschaftsmodells von Gamal Abdel Nasser geführt, der sich Macht durch soziale Zugeständnisse an die Bevölkerung sicherte. Seit der Ermordung des Präsidenten Anwar as-Sadat durch die Gruppe al-Dschihad (eine militante Abspaltung der Muslimbruderschaft) im Oktober 1981 regierte Hosni Mubarak per Notstandsdekrete. Politische Loyalität der Bevölkerung wurde durch Repression, durch völlige Unterwerfung erzwungen.

Aufgrund der stagnierenden Wirtschaft bekam der neoliberale Turn ab den 2000er Jahren einen Schub. Deregulierungen und Privatisierungen dienten dazu, mehr Direktinvestitionen aus dem Westen und China anzulocken, führten aber zu sozialen Spannungen, Unterbeschäftigung und hoher Arbeitslosigkeit, die 2005 bereits bei elf Prozent lag und von der junge Menschen besonders stark betroffen waren. Als Reaktion auf die wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Regierung kam es vermehrt zu sozialen Protesten und Arbeitskämpfen, die sich innerhalb der folgenden Jahre radikalisierten und als das eigentliche Vorspiel der Revolution von 2011 betrachtet werden können. Im Epizentrum dieser Bewegung: die Industriestadt al-Mahalla al-Kubra im Nildelta.


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