Frau Puhms Lied

von Anna-Elisabeth Mayer

Beim Arbeitsmarktservice war sie bislang nur: Frau, über fünfzig, einstige Qualifikationen nicht dem heutigen Stand entsprechend – daher schwer vermittelbar.

Dieser Text ist der dritte Teil der Serie Rückkehr nach Marienthal. Darin begleitet Anna-Elisabeth Mayer die Menschen in Gramatneusiedl auf ihrer Suche nach Arbeit und spürt den Fragen nach, die das Projekt MAGMA aufwirft.

Man kommt wieder unter die Leute. Ohne Gesellschaft – da geh’ ich ein wie eine Primel.

Michaela Puhm

Als ich in Gramatneusiedl aussteige, die Überführung hinunterkomme, winkt mir Michaela Puhm bereits zu. Sie lächelt und wir wechseln Worte. Wenig später befinden wir uns im nahe gelegenen Garten ihrer Freundin, in dem wir unser Gespräch freundlicherweise führen können. Frau Puhm hat das in den letzten Tagen organisiert. Ich sollte nur mein Aufnahmegerät nicht vergessen. 

Unser erstes Gespräch war am Telefon. Die Mitarbeiterin der mit dem AMS kooperierenden Personalvermittlungsagentur Itworks hatte mir ausrichten lassen, dass Frau Puhm noch ein paar Fragen zu dem Interview hätte, ich mich deswegen bei ihr melden sollte. 

Als ich anrief, sagte Frau Puhm, sie habe überhaupt kein Interesse an einem Gespräch. Sie sagte es deutlich. Ich war beeindruckt; und in einem Zwiespalt, denn im Überreden lag ein Drängen. Michaela Puhm war langzeitarbeitslos – das heißt mehr als ein Jahr arbeitslos –, nun ist sie eine Teilnehmerin des MAGMA-Projektes in Gramatneusiedl, ein Projekt des AMS, das mit einer Jobgarantie für Langzeitarbeitslose aufhorchen ließ. 

Am Ende stimmte Frau Puhm doch zu. Später sagte sie mir, dass sie schließlich zugesagt habe, um zu zeigen, dass hinter dem Begriff »Arbeitslose« eigenständige Personen stehen. Beim Arbeitsmarktservice war sie nur dies: Frau, über fünfzig, einstige Qualifikationen nicht dem heutigen Stand entsprechend – daher schwer vermittelbar. 

Jetzt sitzen wir also einander gegenüber in einem Garten in Gramatneusiedl mit uralten Obstbäumen, nicht weit weg vom geschichtsträchtigen Marienthal. Michaela Puhm holt zwei Getränke aus ihrer Tasche, erzählt dabei, dass sie nun mehr als die Hälfte ihres Lebens hier wohne. Sie komme ursprünglich aus Deutschland, genau aus jener Gegend, die vor zwei Wochen vom Hochwasser betroffen gewesen sei. »Die Wupper hat normal 55 Zentimeter, das ist so kniehoch – und die hatte fast sieben Meter. Sieben Meter!«, ruft sie aus, fügt hinzu: »Da weißt du auch nicht: Schwimmen jetzt meine Leute weg oder nicht!« Sie schüttelt den Kopf, seufzt, sagt, viele Tote und dass sie zu der Zeit als MAGMA-Teilnehmerin im Homeoffice gewesen sei. Da falle es einem schwer, sich wieder an die Arbeit zu setzen. Überhaupt sei das Homeoffice schwierig für sie, die Gesellschaft fehle ihr. 

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