N°7/8POLITIK | 28.06.20

Die Kultur der Ablehnung

Nicht erst seit der Corona-Krise greift eine Sicht auf die Welt um sich, die eine Haltung der Ablehnung in sich trägt. Woher sie kommt und was sie uns zu sagen hat.

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Von Benjamin Opratko
Illustration: Christoph Kleinstück

Benjamin Opratko ist Redakteur des TAGEBUCH. Als Politikwissenschafter arbeitet er an der Universität Wien schwerpunktmäßig zu Demokratie, Rassismus und Rechtspopulismus in Österreich und Europa. 
Illustration: Christoph Kleinstück

Bis in die 1980er Jahre hinein nahmen Bergarbeiter Kanarienvögel in die Schächte der englischen Kohlenminen mit, um sich vor einer Kohlenmonoxid-Vergiftung zu schützen. Die Tiere reagieren besonders sensibel auf das unsichtbare und geruchlose Gas. Fällt der Vogel um, bedeutet dies Gefahr. 

Im Zuge der ersten Corona-Welle meldeten sich fast täglich Prominente zu Wort, die in den staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie eine Verschwörung dunkler Mächte zu erkennen glaubten. Pop-Sänger und TV-Moderatorinnen, Fernsehköche und Schauspielerinnen, Youtuber und andere Influencerinnen erfanden sich als »Corona-Rebellen« neu, verbreiteten Unsinn über Mobilfunknetze als Krankheitsüberträger, die WTO als geheime Weltregierung, unwissentlich verpflanzte Mikrochips. Der deutsche Boulevard ging der Frage nach, warum so viele »seiner« Promis »durchdrehen« – und suchte die Antworten in Geltungssucht, Isolationskoller oder Xavier Naidoos exzessivem Marihuanakonsum. Ein weiterer Beweis, dass es eben doch dumme Fragen gibt. Was sie als Personen antreibt, mag für die Klatschpresse relevant scheinen; interessant wird das Ganze, wenn wir uns die Gaukler und Barden als Kanarienvögel denken. Sie mögen in normalen Zeiten singen oder für ihr farbenfrohes Kleid bewundert werden; von gesellschaftlichem Nutzen sind sie dann, wenn sie umfallen: Sie zeigen uns in den Katakomben der kapitalistischen Kulturindustrie eine Veränderung in der gesellschaftlichen Atmosphäre an.

Autoritätskrise

Im Windschatten des paranoiden, bisweilen antisemitisch unterlegten Wahns geht ein Raunen durch die Gesellschaften, das sich mit der Kategorie der Verschwörungstheorie nicht einfangen lässt. Es ergreift, um eine hilflose Metapher zu bemühen, das Oben, das Unten und die Mitte gleichermaßen. Intellektuelle, die den Mund-Nasen-Schutz in fein gedrechselten Essays zur »Sklavenmaske« erklären ebenso wie meinen Nachbarn in Wien 15, der seine Familie in Bosnien nicht besuchen darf und meint, dass da »was nicht stimmt«, was uns Regierung und Medien erzählen. Dazwischen wütende Gastronominnen, verzweifelte Ladenbesitzer, renegierende Mediziner. Es ist eine zum Klischee verkommene Wahrheit, dass die Corona-Krise lange im Dunkeln liegende Widersprüche zum Vorschein bringt. Auch die angeblich plötzliche, rasende Verbreitung des »Irrationalen« im Angesicht des Virus – so der Frankfurter Philosoph Rainer Forst – ist nicht einfach Bruch der Normalität, sondern Kipppunkt in einem inkrementellen Prozess. Wer ihren Anfang im Beginn der Corona-Krise vermutet, irrt. Tatsächlich bricht sich gerade Bahn, was seit Jahren in unseren Gesellschaften als Alltagsideologie schwelt: die Ablösung ganzer Gesellschaftsschichten von den bislang das Soziale ordnenden, Orientierung bietenden Institutionen und Erzählungen. Der italienische Marxist Antonio Gramsci beschrieb ähnliche Prozesse in den 1930er Jahren als »Autoritätskrise«: Sie bestünde darin, dass »die großen Massen sich von den traditionellen Ideologien entfernt haben, nicht mehr an das glauben, woran sie zuvor glaubten usw.«. Was er unter dem Gesichtspunkt der Herrschenden, die den Konsens der Beherrschten verlieren, analysierte, hat seine Entsprechung im Volk als eine Alltagskultur, die den Autoritäten die Gefolgschaft aufkündigt. Diese lässt sich heute als Ablehnungskultur beschreiben: als eine Sicht auf die Welt, die eine Haltung der Ablehnung in sich trägt.

»FÜR GAR NICHT WENIGE MENSCHEN TRITT DER STAAT PERMANENT ›IN DIE MITTE DES LEBENS‹: DURCH RASSISTISCHE POLIZEIKONTROLLEN ETWA, IN FORM VON MASSENLAGERN,  AUFENTHALTSTITELN ODER ABSCHIEBEBESCHEIDEN, DURCH EINSCHRÄNKUNGEN BEI EHESCHLIESSUNGEN ODER IM ADOPTIONSRECHT FÜR GLEICHGESCHLECHTLICH LIEBENDE ODER ALS ARBEITSMARKTSERVICE.«


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