N°3POLITIK | 01.03.21

Die Zukunft ausbrüten

In Äthiopien soll die Hühnerproduktion angekurbelt werden. Ambitionierte Start-ups, ein belgischer Künstler und die Bill & Melinda Gates Foundation mischen mit. Eine Geschichte über die Verstrickung von Kapitalismus, Kolonialismus und Klimawandel

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VON BRITT H. YOUNG

Britt H. Young ist Schriftstellerin und Humangeografin. Derzeit arbeitet sie an der University of California in Berkeley an ihrer Dissertation. Die Fotografien auf diesen Seiten stammen von der Autorin. 

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der in New York herausgegebenen kulturpolitischen Zeitschriftn+1 erschienen.

Aus dem amerikanischen Englisch von Jana Volkmann.


Kentucky Fried Chicken will nach Addis Abeba. Äthiopien wird als eines der letzten Länder Afrikas von Fast Food kolonisiert. 2018 eröffnete mit Pizza Hut die erste multinationale Fast-Food-Kette zwei Filialen in der Hauptstadt. Weitere internationale Konzerne wollen sich niederlassen, ihre Bemühungen werden jedoch von Äthiopiens Vorliebe für Nachahmungen vereitelt: In Addis gibt es ein paar nicht autorisierte In-N-Out Burgers, mindestens einen falschen Burger King und eine Subway-Filiale, die mehr Eintöpfe als Sandwiches verkauft. Das Logo von Kentaki Krunchy Fried Chicken (KKFC) sieht der US-amerikanischen Vorlage zum Verwechseln ähnlich. Der Unternehmer Tseday Asrat ist der Besitzer von KKFC und hat sich bereits einen Ruf durch das nahezu originalgetreu von Starbucks abgekupferte Logo gemacht, das an jeder Filiale seiner Cafékette Kaldi’s in Addis prangt. Laut Tseday Asrat liegt eine Lizenz von KFC vor, der Konzern bestreitet dies freilich. 

Obwohl immer mehr Geflügel erhältlich ist, ist Hühnerfleisch in Äthiopien nichts Alltägliches. Die lokalen Hühner sind zu klein und wachsen zu langsam, um extra für die Fleischproduktion gezüchtet werden zu können. Gegessen werden sie erst, nachdem sie ihre lebenslange Mission als Legehennen erfüllt haben. Daher gilt Huhn wie in anderen afrikanischen Ländern als besondere Delikatesse, die man zu Anlässen wie dem Neujahrsfest oder zu Weihnachten auftischt, während es ansonsten Rinder- oder Ziegenfleisch gibt. Das äthiopische Nationalgericht Doro Wot köchelt mehrere Stunden, sodass die alten Legehennen unter einem Berg Zwiebeln, Berbere und Tomatenpaste zart und weich werden. Am Ende ist das Fleisch durchsetzt mit rotem Öl und bekommt dank Nitir qibe, einer gewürzten Butter, eine cremige Konsistenz. Zu guter Letzt kommen gekochte Eier hinzu, es entsteht eine sämige, scharfe, schwelende Sauce, ein gut gewürzter Scheiterhaufen für eine greise Henne am Ende ihres Lebens.

Trotz alldem eröffnen in Addis zahlreiche Hühnerrestaurants wie das Kentaki. Auch ein Laden namens Chicken Hut verkauft nun Barbecue-Hühnchen in den hoch aufschießenden Einkaufszentren. Dort zu essen, ist ein sehr amerikanisches Erlebnis: Ich ging hin, bestellte und man gab mir einen großen, hässlichen Buzzer, der aufdringlich ratterte, als mein Essen zur Abholung bereit war. Die Papiersets auf den Chicken-Hut-Tabletts zeigen einen Cartoon, der fordert: »Eat more chicken« – esst mehr Huhn, eine Anlehnung an den ikonischen Slogan der US-amerikanischen Kette Chick-fil-A, bei dem eine Kuh ein Transparent mit einer ähnlichen Aufschrift hält. Die äthiopische Kuh hat jedoch mehr im Sinn, als bloß ihre eigene Haut zu retten. Sie appelliert an die neuen äthiopischen Stammgäste in den Shopping-Malls – junge Leute in schwarzen Jeans und Sneakern – und will sie zu einem modernen Lebensstil bewegen. Tut, was eure Eltern niemals tun würden: Bestellt ein Chicken-Nugget-Menü.


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