N°11 | POLITIK | 03.11.21

Für die linke Spur zu langsam

Lange Jahre gab Die Linke den Menschen etwas von der Würde zurück, die sie in den Amtszimmern des Jobcenters verloren hatten. Das war einmal.

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VON KARSTEN KRAMPITZ

Karsten Krampitz ist ständiger freier Mitarbeiter des TAGEBUCH. Der Historiker und Schriftsteller lebt und arbeitet in Berlin und Klagenfurt.

Illustration: Lea Berndorfer

»Aber wir haben doch einen richtig guten Wahlkampf geführt, mit den Menschen gesprochen. Wie kann das sein?« Am Abend des 26. September im Sportlerheim in Zellerau am Stadtrand von Würzburg herrscht Ratlosigkeit. Gut 40 Leute haben sich eingefunden. Genossinnen und Genossen vom Linken-Kreisverband wie auch einige Berliner Mitarbeiter der hiesigen Bundestagsabgeordneten Simone Barrientos, zu denen ich noch bis vor einem Jahr zählte. Bei Bier und gutem Essen wollten wir den Wiedereinzug in den Bundestag feiern. Die Chancen dafür standen auch nicht schlecht. Der Online-Mandatsrechner hatte in den Wochen zuvor für die bayerische Linke konstant sechs statt der bisherigen sieben Mandate ausgewiesen. »Unsere Abgeordnete« stand auf Platz fünf der Landesliste. Bei wenigstens sechs Prozent im Bund und vier Prozent in Bayern wäre das Ziel erreicht gewesen. Dann aber bringt das Fernsehen die erste Prognose, fünf Prozent, und das Entsetzen ist groß. »Unmöglich«, heißt es, »ein Rechenfehler«. Wir hätten die richtigen Themen und die richtigen Leute. Und dass Die Linke in den letzten Wochen zwischen SPD und Grünen aufgerieben worden sei. 

Dabei hatte im Vorfeld der Wahlen, ungeachtet der Umfragen, manches für einen Erfolg gesprochen oder wenigstens für ein passables Ergebnis. War Olaf Scholz nicht ein Gottesgeschenk? Die Sozialdemokraten hatten einen Kanzlerkandidaten aufgestellt, der noch unter Gerhard Schröder SPD-Generalsekretär war, der also an exponierter Stelle am Armutsprogramm Hartz IV mitgewirkt hatte. Nicht zu vergessen seine Rolle als Hamburger Bürgermeister bei den G20-Protesten im Juli 2017. Olaf Scholz hatte nicht nur vermeintlich Linksextreme von der Polizei niederknüppeln lassen, sogar Anwohnerinnen und Fußgänger wurden misshandelt, was in den Medien seinerzeit gut dokumentiert wurde. Auch als Bundesfinanzminister unter Angela Merkel trug Scholz keine saubere Weste. Die Stichworte sind: Wirecard und Cum-Ex. – Und was die Grünen betraf: Annalena Baerbock hatte gleich zu Beginn alles versemmelt mit ihrer aufgepimpten Biografie und einem ebenso abgeschriebenen wie überflüssigen Buch. Hinzu kamen die grünen Forderungen nach höheren Strom- und Spritpreisen, die nach einem linken Korrektiv riefen. Und überhaupt: War Die Linke nicht immer die einzige Friedenspartei im Bundestag gewesen? All die Jahre hatte ihre Fraktion gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan gestimmt, weil man Demokratie nicht mit Bomben und nicht mit Armeen erzwingen kann. Und sie hatte recht behalten! Und tatsächlich deutete eine Zeit lang einiges darauf hin, dass Die Linke womöglich mit SPD und Grünen in Regierungsverantwortung käme. Doch dann kam der Absturz. 

Gregors bunte Truppe

Erinnern wir uns: In Ostdeutschland waren die Genossen lange Zeit auf dem Weg, so etwas wie die kulturelle Hegemonie zu erringen. In den Neunzigerjahren musste der in Talkshows omnipräsente Gregor Gysi nur mit den Fingern schnippen und das Who’s who der heimischen Kulturszene eilte herbei. Seinem pathetischen Manifest, dem »Aufruf zur Gründung von Komitees für Gerechtigkeit« vom 11. Juli 1992, folgten Größen wie Heiner Müller und Frank Castorf, beides Schwergewichte im Theaterbetrieb. Die westdeutsche Elke Heidenreich unterschrieb, ebenso die Musikerinnen Ina Deter (Neue Männer braucht das Land) und Bettina Wegner (Sind so kleine Hände), die Schauspielerin Käthe Reichel wie auch die Ikone der westdeutschen Friedensbewegung Dorothee Sölle und mit ihr der katholische Friedensapostel Eugen Drewermann, die Schriftsteller Stefan Heym und Klaus Schlesinger, die ARD-Kabarettlegende Dieter Hildebrandt und nicht zu vergessen: Rio Reiser. Der einstige Frontmann der Anarcho-Rockband Ton Steine Scherben war sogar Parteimitglied geworden. Bei späteren Aufrufen gesellte sich kein Geringerer als der angesehene Intellektuelle Walter Jens dazu, der, so wird kolportiert, vor vielen Jahren sogar einmal auf dem Neujahrsempfang der linken Bundestagsfraktion gesprochen haben soll. Will heißen: Auch wenn die Linkspartei respektive die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), so ihr Name in den Jahren von 1990 bis 2007, im Bundestag lange Zeit als Schmuddelkind behandelt wurde, war es in der Kunstszene und Bohème geradezu schick, sich zu ihr zu bekennen. Im Prenzlauer Berg trafen sich in der Basisgruppe »Torpedokäfer« bekannte Lyriker wie Bert Papenfuß und Stefan Döring. Der Schauspieler Peter Sodann, manchen noch als Tatort-Kommissar Bruno Ehrlicher bekannt, trat vor vielen Jahren für Die Linke als Zählkandidat bei der Bundespräsidentenwahl an. Dass ein Fernsehstar sich bereit erklärte, für die Genossen seine Karriere zu ruinieren – die großen Rollen blieben für Sodann danach aus –, hat es seither nicht wieder gegeben. Und wofür? Als Rio Reiser starb, hatten seine Genossen nicht einmal einen Kranz für ihn übrig. 


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