N°2POLITIK | 01.02.21

Grenzen des Lockdown 

Die Lockdown-Strategie zur Bekämpfung der Corona-Pandemie ist gescheitert. Es ist an der Zeit, Bilanz über die bisherigen Maßnahmen zu ziehen und eine radikale Alternative zu formulieren.

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VON PANAGIOTIS SOTIRIS

ILLUSTRATION: LEA BERNDORFER

Panagiotis Sotiris lebt und arbeitet in Athen. Er lehrt an der Fernuniversität Patras, ist Journalist, Autor und Redakteur der Zeitschrift Historical Materialism. Aus dem Englischen von Benjamin Opratko.


Im zweiten Jahr der Corona-Pandemie, der viele Länder weiterhin mit weitreichenden restriktiven Maßnahmen begegnen, und angesichts der Tatsache, dass die anlaufenden Impfungsprogramme wohl noch auf längere Zeit kein Ende der Pandemie bedeuten, ist es geboten, die politischen und ökonomischen Dimensionen der sogenannten Lockdown-Strategie zu diskutieren. Als Lockdown-Strategie bezeichne ich die verschiedenen Kombinationen einschränkender Maßnahmen wie Ausgangssperren, die Abriegelung öffentlicher Räume, die Schließung von Schulen und Geschäften, die Einschnitte bei Bewegungs- und Versammlungsfreiheit.

Der Grundgedanke hinter den Varianten der Lockdown-Strategie ist jener des verallgemeinerten Social Distancing: Die Ansteckung der am stärksten gefährdeten und anfälligen Personen, das heißt älterer Menschen und Personen mit bestimmten Vorerkrankungen, könne nur dadurch reduziert werden, dass potenzielle Übertragungsketten unterbrochen werden, die zu erhöhten Infektionsraten unter diesen Personen führen könnten. Daraus folgt, dass auch Angehörige jener Altersgruppen, für die das Risiko relativ gering ist, allgemeine Einschränkungen akzeptieren müssen, weil sie so die stärker Gefährdeten schützen. Diese Maßnahmen müssen so lange aufrechterhalten bleiben, bis es gelingt, die Krankheit durch eine Massenimpfung auszurotten.

Die Normalisierung der Einschränkung

Es wird kaum darüber diskutiert, dass die Idee verallgemeinerter Social-Distancing-Maßnahmen ursprünglich nicht auf der Annahme basierte, dass die Krankheit für Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen weit gefährlicher ist. Notfallpläne, die in den 2000er Jahren unter dem Eindruck der »Vogelgrippe« H5N5 und des Sars-Virus für eine mögliche »Killer-Grippe« entwickelt wurden, gingen davon aus, dass die Pandemie vor allem die »Jungen und Gesunden« angreifen und darin in gewissen Aspekten der Pandemie von 1918 ähneln würde. Damit würden gezielte Maßnahmen zum Schutz der Gefährdeten und Anfälligen hinfällig und als einzige Lösung verblieben verallgemeinerte Social-Distancing-Maßnahmen bis hin zu Ausgangssperren, die bis zur Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs in Kraft bleiben müssten – also das, was wir heute als Lockdown kennen. Die Entwicklung dieser Strategie fiel zeitlich mit einer Art Versicherheitlichung des Gesundheitswesens zusammen. Sie fand beispielhaft Ausdruck in neuen, militarisierten Begriffen wie »Biosecurity« und der Übernahme von militärischen Präventionslogiken der »Preparedness« aus dem »Krieg gegen den Terror«. 


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