N°12/1 | POLITIK | 01.12.21

Hafeez rennt

Er liefert Pakete für ein Subunternehmen von Amazon aus und träumt vom großen Geld – in einem System, in dem sein Aufstieg nicht vorgesehen ist. Seine Ausbeutung ist das Geschäftsmodell.

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VON LISA KREUTZER

Lisa Kreutzer ist Redakteurin des TAGEBUCH.

Illustration: Anna Gusella
Fotos: Christopher Glanzl

Kurz vor ihm kommt das Auto mit einer Vollbremsung zum Stehen. Der Fahrer schimpft ihm durch das geöffnete Fenster hinterher. Hafeez hört ihn nicht mehr, drückt schon die Tür des Mietshauses auf, nimmt zwei Stufen auf einmal, bald steht er vor der Tür im vierten Stock, klingelt zweimal, dreimal, niemand öffnet. Worst Case. Schon wieder. Als er zum zweiten Mal an diesem Nachmittag vor einer verschlossenen Tür steht, verliert er die Nerven. Er flucht, rennt durch den mit grellen Neonlampen ausgeleuchteten Gang zur nächsten Tür und klingelt dort. Eine Frau öffnet. Durch den Spalt zwischen Tür und Rahmen strömt ein scharfer Geruch. »Hallo, hier Amazon«, sagt Hafeez. »Nehmen Sie das Paket für Ihren Nachbarn?« Sie schlägt die Tür zu. An der braunen Pappe des Pakets zeichnen sich seine verschwitzten Finger ab. Bei der nächsten Tür, ein paar Meter weiter, hat er Glück, ein Nachbar nimmt das Paket entgegen. Acht Minuten hat ihn das gekostet. Auf dem Weg zurück zum Lieferwagen läuft er noch schneller. »Katastrophe.«

Hafeez arbeitet bei einem Subunternehmen für den weltweit größten Onlinehändler Amazon – mit 386 Milliarden Umsatz allein im Jahr 2020 der Gewinner der Corona-Pandemie. Gründer Jeff Bezos ist mit einem Vermögen von 200 Milliarden Euro nach Elon Musk der zweitreichste Mensch der Welt. Auch in Österreich ist Amazon Marktführer im Online-Versandhandel. Knapp die Hälfte aller Haushalte in Österreich hat ein Amazon-Prime-Abo. Das Versprechen: Pakete werden innerhalb von 24 Stunden an die Haustür geliefert. Ein Versprechen, das Hafeez und seine Kollegen halten müssen. Paketboten sind in der Pandemie plötzlich »systemrelevant« geworden, haben hunderte Überstunden für einen Hungerlohn gearbeitet, um den gestiegenen Bedarf an Bestellungen zu decken. Die Branche boomt, im Weihnachtsgeschäft spitzt sich die Lage zu. Bei den Boten aber bleibt vom Profit nichts hängen.

Hafeez wirkt älter, als er ist. Seine grauen Haare sind licht, seine Arme muskulöser als der Rest seines Körpers, die Hände rau. Er hat Angst, seinen Job zu verlieren, sollte sein echter Name genannt werden. Er hört viel Musik und raucht gerne Shisha, am liebsten Kaugummi-Minze. Über das Mittelmeer kam er mit einem Schlepper nach Österreich. Es blieben ihm 50.000 Euro Schulden. In der Heimat sei sein Leben in Gefahr gewesen, das hätte ihm damals die größte Angst bereitet, sagt er. Heute aber sei es das Geld. Hafeez ist stolz auf seinen Fleiß, arbeitete am Bau und im Einzelhandel. Mittlerweile fährt er seit mehreren Jahren für unterschiedliche Subunternehmen von Amazon. Nicht viele hätten so lange durchgehalten, sagt er. Sein Rücken tue weh, die Beine und Arme schmerzten, er schlafe viel zu wenig. »Und wenn man Fehler macht oder sich beschwert, dann kündigen die einem sofort.«


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