Die Überlebende

von Lena von Holt

Foto: ILIR TSOUKO

Noch immer werden in Österreich regelmäßig Frauen von ihren (Ex-)Partnern getötet. Auch Hanife Adaa sollte sterben, aber sie hat überlebt. Heute hilft sie Frauen, sich aus Gewaltbeziehungen zu befreien.


3977 wörter
~16 minuten

Frauen-Helpline: 0800-222-55
Frauennotruf der Stadt Wien: 01-71719
Frauenhaus-Notruf: 057722

Wenn akute Gewalt droht, rufen Sie den Polizeinotruf unter 133 oder 112. Gehörlose und hörbeeinträchtigte Menschen können per SMS an 0800/133 133 Hilfe rufen.

Draußen ist es noch dunkel, als Hanife sich in ihrem Bett aufsetzt. Verschlafen greift sie zu ihrem Handy. Wieder hat eine Frau geschrieben. Hanifes Arbeit beginnt. Die Pläne von der Freiheit werden nachts geschmiedet. Wenn die Realität zerbrechlich wirkt und die Stille der Nacht das Leid des Tages milder erscheinen lässt. Dann fassen sie wieder Mut, weil das Ausbrechen plötzlich möglich scheint. Sie, das sind Frauen, oder Personen, die sich hinsichtlich ihrer Geschlechtsidentität als Frauen begreifen, die den Entschluss fassen, sich von ihrem gewalttätigen Partner zu trennen. Sie schreiben, wenn der Mann neben ihnen im Tiefschlaf ist, oder wenn sie allein sind, weil er gegangen ist, nachdem er seine Wut mit Schlägen an ihnen ausgelassen hat. Auch Hanife Adaa lag früher oft nachts wach. Für sie war es fast zu spät, als sie vor acht Jahren ihren gewalttätigen Ehemann verließ. Heute unterstützt sie mit ihrem Verein Yetis Bacim (Hilf mir, Schwester!) Frauen, sich aus Gewaltbeziehungen zu befreien.

Es braucht lange, bis das Vertrauen da ist, sagt Hanife. Bis die Frauen ihr ihre Adresse geben oder für ein Treffen bereit sind. Für die Frauen, denen sie hilft, ist Hanife vieles: Zuhörerin, Komplizin, Beschützerin, Vorbild, Sprachrohr. Aber vor allem ist sie eines: ihr einziger Weg da raus. 

16. Jänner: 42-Jährige in Ybbs erstochen: Verdächtiger festgenommen. 

28. Jänner: Junge Frau ermordet in Floridsdorfer Wohnung gefunden. 

4. Februar: Frau in der Obersteiermark getötet: Ehemann festgenommen. 

4. Februar: Messerattacke: Zweifache Mutter starb in Spital. 

13. Februar: Leiche in Tiroler Unterland gefunden, Polizei geht von Frauenmord aus. 

23. Februar: Frau in Oststeiermark getötet, Verdächtiger festgenommen. 

25. April: 81-Jährige in Oberösterreich erschossen.

12. Mai: 87-Jähriger tötete Ehefrau in Klagenfurt. 

6. Juni: Beide Frauen starben bei Doppelmord in Kärnten durch Kopfverletzungen. 

25. Juni: Frau in Tirol erwürgt und in Inn geworfen, Ehemann tatverdächtig. 

14. Juli: Mutter (80) erstochen – Sohn festgenommen. 

22. Juli: Mann tötet 64-Jährige und 92-Jährige im Burgenland. 

28. Juli: Im Mühlviertel soll ein Mann seine  Lebensgefährtin getötet haben.

6. August: Frau im Weinviertel erstochen: 88-Jähriger gesteht die Tat. Ende August: Mord an 81-Jähriger: Zahlreiche Spuren gesichert. 

23. September: 55-Jährige in Schwechat erstochen, Ehemann tatverdächtig. 

6. Oktober: Frau in Wohnung in Wien-Favoriten  erschlagen.

2. November: Frau in Wien-Penzing getötet.

Es ist eine stille, fast unbemerkte Katastrophe, die sich hinter Österreichs Haustüren abspielt. Frauenmorde oder Femizide sind das Ende einer langen Geschichte häuslicher Gewalt. Allein in diesem Jahr sind bereits 20 Frauen durch einen Mann aus ihrem näheren Umfeld getötet worden. Meist durch ihren (Ex-)Partner oder (Ex-) Mann. 22 Frauen haben überlebt. Doch statt gesellschaftlicher Empörung folgt ihrem Tod eine gespenstische Gleichgültigkeit. Wie kann das sein?

Hanife erfährt früh, was es heißt, als Frau in patriarchalen Strukturen zu leben. Sie ist 14, geht noch zur Schule und lebt mit ihren Eltern in einem Außenbezirk von Wien. In einer Woche soll sie in die Türkei fliegen und ihren Cousin heiraten. Dann lernt sie einen jungen Mann im Bus kennen. Er ist vier Jahre älter als sie. Er kannte sich nicht mit dem Ticket aus, erinnert sie sich, also half sie ihm. Sie erzählt ihm von der anstehenden Hochzeit. Er ihr, dass auch er gegen seinen Willen verheiratet wurde. Er verspricht ihr, dass er sie befreien wird, dass sie ein Paar sein werden. »Ich war verliebt in ihn«, sagt sie. 

Die Minuten im Bus sollen über Hanifes Leben entscheiden. Sie trifft den Mann noch einmal, heimlich. Als das rauskommt, wird die Hochzeit in der Türkei abgeblasen. Kurz darauf wird Hanife von ihm schwanger, zieht in eine kleine Wohnung, heiratet ihn. Die Hoffnung, die sie im Bus umgab, ist schnell verflogen. »Meine Hochzeitsnacht war eine Vergewaltigung. Ich habe drei Tage lang geblutet.« 

Bis in den Tod

In der Küche mischt sich der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee mit dem von getoastetem Sandwich. Es riecht nach Zuhause. »Askim, mein Liebling«, ruft Hanife ihren 21-jährigen Sohn mit kräftiger Stimme durch das ganze Haus. Als er kommt, umklammert sie mit beiden Armen seine Hüfte und drückt ihn fest an sich. »Ich liebe dich, Emre!« Familie Adaas Zuhause ist voller Liebe. Mit zwei ihrer vier Kinder lebt Hanife in einem großen Haus mit Garten in der Nähe von Wien. Es ist der Ort, an dem alle wieder zusammenkommen, an dem viel gelacht wird. Weinen hört man in diesem Haus nur noch selten. 

»So hat er ausgesehen«, sagt Hanife. Sie hat sich an ihren Küchentisch gesetzt, die braunen Augen dunkel geschminkt, die Lippen rot nachgemalt, vor ihr liegt ihr iPad. Viele Bilder von ihm hat sie gelöscht, dieses nicht. Ein schlanker Körper in einem gepflegten Anzug, die schwarzen Haare akkurat nach hinten gekämmt. Er sitzt auf einem Stuhl, blickt geradewegs in die Kamera. Sie steht hinter ihm, die Hände auf seine Schultern gelegt. Eine attraktive Frau, Anfang 20, die langen schwarzen Haare schon damals zurückgebunden. Ein vorsichtiges Lächeln. »Ich hab’ die Glückliche gespielt«, sagt Hanife. Lange dachte sie, das gehöre zum Frausein, zu einer Ehe dazu, dass all das von ihr erwartet wird. »Ein paar Schläge, deshalb zerstört man doch keine Ehe«, hatten andere Frauen ihr gesagt. 

Dann zeigt sie noch ein Foto. Darauf muss sie schon etwas älter sein, Mitte 30 vielleicht. Es ist schwierig, das zu sagen, ihr Gesicht ist kaum zu erkennen. Die Haut ist aufgequollen, die Augen geschlossen, als würde es ihr schwerfallen, sie offenzuhalten. Blut läuft aus der Nase, verteilt sich zu allen Seiten über ihr Gesicht. Sie kann sich nicht erinnern, warum sie gestritten hatten. Nur daran, dass er sie hinten an den Haaren gezerrt und sie danach am ganzen Körper blaue Flecken hatte. »Ich war so verletzt und so in meiner Würde gekränkt.« Anschließend hatte sie sich erschöpft auf die Couch gelegt und das Foto einer Freundin geschickt. Als Beweis. Die glaubte, es sei eine Ausrede, dass Hanife sich nicht mit ihr treffen wollte. Als die Freundin das Foto sah, bot sie an, Hilfe zu rufen. Es hätte Hanifes Rettung sein können. Sie hätte ihre Kinder packen und verschwinden können. Stattdessen sagte sie: »Du musst aufhören, lösch die Fotos!« Sie wird diesen Satz oft bereuen.

Zum Beispiel als die zwei ältesten Töchter Fieber haben und nicht aufhören zu weinen, und er so genervt ist, dass er die Vierjährige schüttelt, bis sie rot anläuft, und er sie, als sie immer noch nicht aufhört, mit voller Wucht aus der oberen Etage eines Stockbetts auf den Boden stößt. Sie kann sich noch heute daran erinnern.

Oder als die Kindergärtnerin ihm ein Bild zeigt, das sein Sohn gemalt hat: zwei Kreise mit zwei Punkten, die Brüste seiner Mama, und er ihn deshalb auf dem Nachhauseweg verprügelt, dass er kaum Luft bekommt.

Oder als er ihrer jüngsten Tochter mit der Faust aufs Ohr schlägt, dass das Blut nur so spritzt, sie am nächsten Morgen nach Istanbul abhaut und nur einen Zettel zurücklässt: »Du hast mich neben diesem Tyrannen schlafen lassen.« 

Ein Samstagnachmittag auf dem Platz eines Wiener U-Bahnhofes. Hanife bietet Sonnenbrillen, T-Shirts, Hosen und Ketten feil.
FOTO: ILIR TSOUKO

Nur, wenn er auf der Arbeit ist, ins Lokal geht, um zu spielen, oder sie mit den Kindern in den Urlaub fährt, ist Ruhe. Dann machen sie zusammen Blödsinn, lachen. Es sind kurze unbeschwerte Momente. 

»Ich hätte längst gehen sollen«, sagt Hanife heute. Bei jedem Streit, bei jedem Schlag wollte sie Schluss machen. Aber sie hatte Angst. Er hatte immer wieder gedroht, ihr den Sohn wegzunehmen. Für sie war klar: Es gibt kein Zurück. »Man zieht ein Brautkleid an und dann den Kefen, das Leichentuch«, das waren seine Worte. »Bis in den Tod.« Fast wäre seine Drohung wahr geworden. 

»VOR GERICHT WIRD ER SPÄTER BEHAUPTEN, ES SEI EIN EINBRUCH GEWESEN. UND TATSÄCHLICH WIRD ALLES DANACH AUSSEHEN: DER SCHMUCK IHRES SOHNES, DEN SIE UNTER IHREM BETT VERSTECKT HATTE, IST WEG, DIE LAPTOPS DER KINDER FEHLEN, DIE GLASTÜR IM KELLER IST ZERBROCHEN. ABER HANIFE IST SICH BEI JEDEM SCHLAG SICHER: ER IST ES. SIE HAT IHN ERKANNT. DER RICHTER WIRD IHR GLAUBEN UND IHN TROTZDEM FREISPRECHEN.«

Rückschritt nach vierzig Jahren Kampf

Lange Zeit hatte sich die Situation von gewaltbetroffenen Frauen in Österreich verbessert: In den 1980er Jahren eröffneten die ersten Frauenhäuser und damit Orte, an denen Frauen Beratung und Zuflucht finden. In den 1990er Jahren verabschiedete Österreich als eines der ersten Länder Europas ein Gewaltschutzgesetz, seitdem kann die Polizei gewalttätige Männer wegweisen. 2013 dann die Istanbul-Konvention, mit der sich der österreichische Staat verpflichtet hat, Frauen zu schützen, aber auch die Gleichberechtigung voranzutreiben. Inzwischen wurden Gesetze verbessert, Frauen werden während des gesamten Prozesses begleitet, eine Helpline ist rund um die Uhr erreichbar.

Über vierzig Jahre wurde gekämpft. Trotzdem ist seit einigen Jahren ein Rückschritt bemerkbar: Waren es 2014 noch 14 Frauen, die von ihren (Ex-)Partnern oder Familienmitgliedern getötet wurden, stieg die Zahl 2019 laut Kriminalstatistik auf 39 an. Damit hat sich die Zahl der Femizide innerhalb von fünf Jahren mehr als verdoppelt. Maria Rösslhumer ist Gewaltschutzexpertin und Vorsitzende des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser, eine Frau von sechzig Jahren mit kurzen grauen Haaren. Im September sitzt sie in ihrem großen, hellen Altbaubüro. Durch das offene Fenster schallen Kinderstimmen vom Spielplatz gleich vor der Tür. In Österreich gibt es kaum jemanden, der sich so gut mit dem Thema häusliche Gewalt auskennt. Dennoch wirkt auch sie ein wenig ratlos: »Wir schaffen es nicht mehr.« Die Einrichtungen seien überlastet, es gebe einfach zu viel Gewalt. 

Laut einer EU-weiten Studie erlebt jede fünfte Frau im Land mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt. Zuletzt verschärfte die Corona-Krise die Situation. Seit Beginn des ersten Lockdown verzeichnete die Frauenhelpline 38 Prozent mehr Anrufe. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstitutes OGM nahmen die Wegweisungen zu, von 885 im Februar auf 1.081 im April. Trotz steigender Zahlen werde viel zu wenig investiert, beklagt Rösslhumer. Zwar wurde das Ende Mai beschlossene Frauenbudget für 2020 durch die Bundesregierung von zehn auf zwölf Millionen Euro erhöht, dennoch wird es vom Frauenring und der Allianz »Gewaltfrei leben« als unzureichend kritisiert. Der Ausbau von Gewaltschutz und effektive Präventionsarbeit seien damit nicht möglich, heißt es.

Je länger Gewalt andauert, desto häufiger und intensiver wird sie. Deshalb müsse man sie noch viel früher unterbrechen, sagt Maria Rösslhumer. Die Nachbarn spielen eine wichtige Rolle: Sie sind meist die Ersten und oft auch die Einzigen, die davon mitbekommen. Hanifes Schreie hatte damals niemand gehört. Dabei stehen die Nachbarhäuser so dicht, dass das schwerfällt zu glauben.

In die Vergangenheit

Sechs Monate vorher ist er plötzlich ganz lieb zu ihr. Er massiert ihr den Fuß, macht ihr eine Liebeserklärung. »Meine Töchter haben mich gewarnt. Er hat was vor, haben sie gesagt.« Aber Hanife will das nicht wahrhaben. Sie vertraut ihm – und unterschreibt in dieser Zeit alles, was er will. Auch eine Lebensversicherung, durch die ihm im Falle ihres Todes 1,5 Millionen Euro zustehen. 

Über die hellbraun gefliesten Stufen steigt Hanife Adaa hinab in ihre Vergangenheit. Im Keller ist es dunkel, trotz spätsommerlicher Temperaturen stellen sich die Haare auf den Unterarmen auf. Es muss ein sonniger Tag wie dieser gewesen sein. Hanife war gerade dabei, die Sachen für den Flohmarkt am nächsten Morgen zusammenzusuchen. Er hatte angerufen, wollte etwas zu essen mitbringen. 

Hanife schaltet das Licht ein, geht in den hinteren Kellerraum, die Wände sind mit Holz getäfelt. Bevor sie die obere Etage ausgebaut hatten, war das einmal das Zimmer ihrer ältesten Tochter. Ein alter Schreibtisch, eine ungenutzte Tiefkühltruhe, ein Schuhregal. Hinten an der Wand türmen sich Bananenkisten mit Flohmarktsachen bis unter die Decke. Hanife bleibt mitten im Raum stehen und blickt nach unten auf die grauen Fliesen: »Hier lag mal ein Teppich, darauf hatte ich gelegen. Er hatte mich an den Haaren die Stiegen heruntergezerrt.« Er hält ihr eine Pistole an den Kopf. Und sie fragt sich: Warum hast du deine Kinder nicht umarmt? Sind sie in guten Händen? Hab’ ich alles richtig gemacht? Wird er dafür bestraft werden?

Aber die Kugel löst sich nicht. Auch beim zweiten Versuch kein Schuss. »Es hat nicht geklappt, ich schwör’ dir, es hat nicht geklappt!«, sagt Hanife aufgeregt und plötzlich wirken die acht Jahre wie Tage. Immer wieder schlägt er mit dem Lauf der Waffe auf ihr Ohr, auf den Kopf, während Hanife ihre Hände hochhält, um seine Schläge abzuwehren. Sie bettelt: »Lass mich wegen Emre am Leben, der braucht mich noch!« Während sie daliegt und Blut verliert, rennt er immer wieder die Stiege hoch, verwüstet das Haus. Vor Gericht wird er später behaupten, es sei ein Einbruch gewesen. Und tatsächlich wird alles danach aussehen: Der Schmuck ihres Sohnes, den sie unter ihrem Bett versteckt hatte, ist weg, die Laptops der Kinder fehlen, die Glastür im Keller ist zerbrochen. Aber Hanife ist sich bei jedem Schlag sicher: Er ist es. Sie hat ihn erkannt. Der Richter wird ihr glauben und ihn trotzdem freisprechen. Wie so oft in diesen Fällen. Denn es gibt keine Beweise. Bevor er ein letztes Mal die Kellertreppe hinauflaufen und dann für immer verschwinden wird, fühlt er noch einmal ihren Puls. Er ist sich sicher: Sie ist tot. 

Durch die Fensterscheiben des Autos ziehen die Straßen Wiens vorbei. »Wir suchen ein Zuhause für eine Frau«, sagt Hanife.
FOTO: ILIR TSOUKO

Gegen die Angst

Der Grund hinter einem Femizid ist nur schwer zu verstehen. Weil sie nicht mit ihm schlafen wollte? Weil sie ihn verlassen wollte? Weil sie im Weg stand? Sie sterben, weil sie Frauen sind, schrieb die feministische Aktivistin und Soziologin Diana E. H. Russell, auf die der Begriff zurückgeht. Ein Femizid ist demnach die Tötung einer oder mehrerer Frauen durch einen oder mehrere Männer, weil sie Frauen sind. Femizide sind die Spitze des Eisberges bestehender patriarchaler Machtverhältnisse. Einer Gesellschaft also, in der Frauen weniger wert sind, in der Frauen unbezahlte Arbeit leisten, für die gleichen Berufe weniger bezahlt werden und finanziell oft von ihrem Ehemann abhängig sind. Wer die Morde verhindern will, muss hier beginnen: mitten in der Gesellschaft.

Die andere Antwort auf das Warum nimmt den Täter in den Blick. Gewalttätige Männer haben nie gelernt, Konflikte auf einer gewaltfreien Ebene zu lösen. Sie mussten es auch nie, weil die Gesellschaft es nicht von ihnen eingefordert hat. Sie haben zu Hause gelernt, dass Männer dominant und aggressiv sein müssen. »Mein Emre ist genau das Gegenteil von ihm«, sagt Hanife stolz. Wenn er heute noch da wäre, ist sie sich sicher, wäre das anders. 

»Ich hab’ geglaubt, jetzt ist Schluss«, sagt Hanife, sie steht noch immer im Keller. Erschöpft liegt sie damals am Boden, während sich der teure Kaschmirteppich unter ihr in ein dunkles Rot färbt. Aber der Kampf ist vorbei, sie hat überlebt. Mit letzter Kraft gelingt es ihr, ihre Tochter anzurufen.

In den Monaten nach dem Vorfall kehrt Hanife immer wieder in den Keller zurück, legt sich auf den Teppich und trinkt, bis der Schmerz verschwunden ist. Immer wieder macht sie die Tür zum Garten fest zu und schreit: »Hilfe! Er bringt mich um!« Sie will sichergehen, dass sie nichts übersehen hat an diesem Tag. Hanife bleibt jetzt neben einem Schrank stehen, öffnet die unterste Schublade und zieht ein großes Küchenmesser hervor. Gleich daneben in einem Regal liegt eine Schere, in einem anderen ein Schraubenzieher. Damals hatte sie vergeblich nach etwas gesucht, mit dem sie sich hätte verteidigen können. Sollte er jemals wiederkommen, ist sie nun vorbereitet. Es sind ihre Waffen gegen die Angst.

Nach dem Mordversuch verbringt Hanife viel Zeit in Spitälern und auf Reha, kämpft gegen ihre Bulimie und lernt wieder Lesen und Schreiben. Sie begegnet anderen Frauen, die Gewalt erlebt haben. Frauen wie sie. Sie bringt sie zum Reden. »Immer, wenn sie was gebraucht haben, haben sich mich angerufen: Schwester, hilf mir!« 

»Du schaffst das!«, sagt sie ihnen, überwindet dabei Stück für Stück ihre eigene Geschichte. Und plötzlich ist da keine Angst mehr vor diesem Mann. Die Frauen tauschen Sorgen aus, und später Möbel, wenn eine von ihnen nach der Trennung in eine neue Wohnung zieht. Weil sich immer mehr Frauen melden, gründet Hanife einen Verein. Nach und nach lernt sie alle beteiligten Institutionen kennen und vermittelt die Frauen: Frauenhäuser, Gewaltschutzzentrum, Weißer Ring, Polizei.

Es ist fast 22 Uhr, draußen ist es längst dunkel, als sich Hanife mit ihrem Handy aus ihrem Auto filmt und das Video live auf Instagram überträgt. Durch die Fensterscheiben ziehen die leeren Straßen Wiens vorbei. Hanife wirkt aufgebracht, ihre Augen sind verweint. »Wir suchen ein Zuhause für eine Frau«, sagt sie, »bis Montag oder Dienstag!« Die Frau, die eben noch von ihrem Mann geschlagen wurde, sitzt nun neben ihr auf dem Beifahrersitz, auf ihrem Schoß schläft ihr dreijähriger Sohn. Man kann sie weder hören noch sehen, zu gefährlich wäre es für sie, erkannt zu werden. Sie hat Angst, will auf keinen Fall ins Frauenhaus. Wie in einer Radiosendung diktiert Hanife ihre eigene Telefonnummer. So hat sie schon für zahlreiche Frauen ein Versteck gefunden. Genau wie die anderen wird auch diese Frau in ein paar Tagen zu ihrer Familie nach Hause fliegen, verschwunden sein, bevor er wieder freikommt. »Es ist gut, wenn sie erst einmal in ihrer Heimat ist, solche Frauen gehen immer wieder zu ihrem Schläger zurück. Aber das nächste Mal wird sie tot sein.«

Über 400 Frauen hat Hanife schon aus Gewaltbeziehungen befreit. Die Frauen kennen ihr Gesicht. Manchmal stecken sie ihr an der Haustür Zettel zu, wenn sie Hilfe brauchen.
FOTO: ILIR TSOUKO

Die meisten Frauen, die einen Mord überlebt haben, versuchen unsichtbar zu werden. Sie färben sich die Haare, geben sich neue Namen. Es soll sogar Frauen geben, die sich ihre Nase operieren lassen. So groß ist ihre Angst, dass der, der ihnen das angetan hat, sie wiederfinden könnte. Nachdem ihr Ex-Mann sie hat umbringen wollen, spricht Hanife im türkischen Fernsehen, warnt Frauen: Habt den Mut, macht diesen Fehler nicht. Hanife will nicht mehr schweigen. 

Erschwerte Gewaltprävention

Es gibt viele Gründe dafür, warum häusliche Gewalt an Frauen noch immer ein so großes Problem ist. Rösslhumer weist darauf hin, dass durch die Wirtschaftskrise von 2008 viele Existenzen unsicherer und damit auch der Frust der Männer größer geworden sei. Zuletzt habe die Politik der türkis-blauen Regierung zu einer Verrohung der Gesellschaft beigetragen: »Gewalt ist zu einem Kavaliersdelikt geworden«, sagt Rösslhumer. Mit den Budgetkürzungen für Fraueneinrichtungen, besonders im Bereich der Gewaltprävention, hat Türkis-Blau effektive Arbeit deutlich erschwert. Statt präventive Arbeit zu stärken, hat sie mit rassistischer Politik auf die steigende Gewalt gegen Frauen reagiert, und versucht, das Problem mittels restriktiver Asylgesetze zu lösen. 

»Gewalt an Frauen passiert überall. In jedem Land, in jeder Gesellschaft, Community oder Religionsgemeinschaft«, sagt Rösslhumer. Es sei weder ein importiertes noch ein Unterschichtenphänomen. Allerdings würden Migrantinnen oft intensivere und schwerere Gewalt erleben, weil sie nicht so schnell herauskommen würden. Das liege vor allem an Sprachbarrieren und daran, dass viele nicht wüssten, wo sie Hilfe holen, wem sie vertrauen können.

Ein Samstagnachmittag auf dem Platz eines Wiener U-Bahnhofes. Hanife steht vor einem langen Tisch, auf dem Sonnenbrillen, T-Shirts, Hosen und Kartons voller Ketten liegen. Hinter ihr ragen weiße Hochhäuser in den Himmel. Für Hanife ist der Tag schon fast vorbei, seit fünf Uhr morgens überzeugt, handelt, diskutiert sie. Sie sammelt Geld für einen querschnittsgelähmten Buben, der mit seiner Mutter in der Nähe von Istanbul lebt. 1.100 Euro, so viel kostet der Rollstuhl, der extra angefertigt werden muss, weshalb der türkische Staat nicht dafür aufkommt. Also hat seine Mutter Hanife um Hilfe gebeten. 

Über 400 Frauen hat Hanife schon aus Gewaltbeziehungen befreit. Die Frauen kennen ihr Gesicht. Manchmal stecken sie ihr an der Haustür Zettel zu, wenn sie Hilfe brauchen, oder schreiben ihr. Zusammen schmieden sie Pläne. Dann ist Hanife wieder die Geschäftsfrau: Die Frauen sollen einen Zeitplan erstellen und dokumentieren, wann der Mann aus dem Haus ist. Sie treffen sich, um ihr weiteres Vorgehen zu besprechen, überlegen Strategien, wie sie ihren Pass zurückbekommen. Immer mit der Angst, dass sie auffallen, danach alles nur noch schlimmer wird. Geld bekommt Hanife dafür keines. 

Alle Türen offen

Auf dem Flohmarkt hebt eine Frau gerade ein Kleid von der Stange »Was kostet?« – »8 Euro, das ist noch ganz neu«, sagt Hanife. Als sie sieht, dass die Frau sich abwendet, schreit sie ihr hinterher, bis sie kaum noch zu sehen ist. »Oh mein Gott, sexy Brille«, sagt sie und lacht, als eine andere sich vor ihr im Spiegel betrachtet. Als ein Auto hinter Hanife auf der Straße vorbeifährt, aus dem Musik dröhnt, beginnt sie zu tanzen. Er wollte ihr das Recht nehmen zu leben. Heute ist sie lebendiger als je zuvor.

Die größte Gefahr lauert ausgerechnet dann, wenn Frauen ihren ganzen Mut zusammennehmen und versuchen sich zu befreien. »Hochrisikosituation« nennen Expertinnen den Moment, in dem Frauen sich dazu entschließen, eine Anzeige zu machen oder sich von ihrem Partner zu trennen. Wenn sie in dieser Zeit alleine sind, keine entsprechende Unterstützung erfahren, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie getötet werden, besonders hoch. Gewaltbereite Männer können den Verlust von Macht und Kontrolle über ihr Opfer oft nicht ertragen. Dann gibt es für sie nur noch Extreme: Entweder du bleibst bei mir oder ich zerstöre dein Leben.

Für diese Frauen ist eine Anzeige ein großer Schritt. Zu oft lässt der Staat sie in dieser Situation im Stich, findet Rösslhumer. Entweder es wird von der Polizei erst gar keine Anzeige gemacht, weil es als Lappalie abgetan wird, oder sie lässt die Anzeige innerhalb kürzester Zeit fallen, weil Aussage gegen Aussage steht. Wird die Anzeige dann doch an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, würde die ihre Ermittlungen meist zu früh einstellen. Für die Frau bedeutet das oft die nächste Demütigung. Für den Täter ist es ein Freispruch: Es ist ja nichts passiert. 

»Jeder kriegt einmal zurück, was er einem anderen antut«, sagt Hanife. Nachdem der Rechtsstaat sie im Stich gelassen hat, tröstet sie sich damit, dass Gott schon für Gerechtigkeit sorgen wird. »Ich habe immer geglaubt, ich werde sterben, dass ich nie ein anderes Leben führen werde«, sagt sie. Oft denkt sich Hanife nun: Wenn ich das, was ich heute fühle, früher gefühlt hätte, hätte er das nie mit mir machen können. Niemals. Männer, die Frauen schlagen, das sind für sie schwache Menschen, die mit Wörtern nicht umgehen können. An dem Tag im Keller gab es für Hanife kein Entkommen, der Weg in die Freiheit blieb ihr versperrt. Heute lässt Hanife alle Türen in ihrem Haus offen stehen. 

0

    Warenkorb

    Ihr Warenkorb ist leerZurück zum Shop