N°3POLITIK | 27.02.20

Kaufhaus der Verdrängung

René Benkos Signa Holding will aus einem vor sich hindümpelnden Berliner Kaufhaus wieder eine Architekturikone machen. Dagegen regt sich jetzt Widerstand.

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VON NICOLAS ŠUSTR, BERLIN

Im Verbindungstunnel zwischen dem Berliner U-Bahnhof Hermannplatz und dem Kaufhaus Karstadt sind nur wenige Menschen unterwegs. Ein paar Meter weiter, einige Stufen höher, tobt das Leben. Leute belagern die Käsetheke, stehen Schlange an den Kassen des Supermarktes. Mittendrin der »Zapfhahn«, nicht viel mehr als ein Tresenquadrat, umringt von ein paar Barhockern, an der Seite sogar ein Glücksspielautomat. Fast ein richtiges Beisl, in Berlin Eckkneipe oder Pinte genannt. Die übersichtliche und etwas verlebte Besucherschaft trinkt Pils, natürlich aus Biertulpen, dazu gerne auch ein Baucherl, zum Beispiel Weinbrand-Cola. Nur rauchen darf man hier leider nicht, bedauert ein Gast.

Noch ein Stockwerk höher, wir sind nun im Erdgeschoss, stehen sich die Menschen an der Postfiliale die Beine in den Bauch. Töpfe werden zum Sonderpreis angepriesen, gräuliches Linoleum versprüht Kaufhaus-Charme vergangener Zeiten. Eine Mutter mit Kopftuch zerrt ihre Kinder hinter sich her, ein junger Mann in Trainingshose stromert durch die Etage, den Blick fest auf sein Smartphone gerichtet. Toupierte und blondierte Verkäuferinnen beraten einen Kunden, es geht um den Armbandwechsel für die Uhr.


WÖRTER: 2050

LESEZEIT : 20 MINUTEN

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Der fast verwaiste Gang zur U-Bahn, die Kundschaft, das Beisl. Der Karstadt am Berliner Hermannplatz, wo die traditionell armen Bezirke Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg aufeinandertreffen, ist vor allem ein lokaler Anziehungspunkt. Und trotzdem gehört das Haus zur Signa Prime Selection AG, einem »Portfolio an außergewöhnlichen Immobilien in besten Innenstadtlagen«, wie es auf der Homepage der vom Milliardär René Benko gegründeten Signa Holding heißt. Es steht für den Immobilienkonzern in einer Reihe mit dem Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe, dem Oberpollinger in München, dem Shoppingcenter Tyrol in Innsbruck und der Luxusmeile Goldenes Quartier in Wien. Zuletzt übernahm die Signa Holding gemeinsam mit der thailändischen Central Group um rund 900 Millionen Euro die Schweizer Globus-Kette.

Kaiser von Berlin

Benko will von der rasanten Aufwertungsspirale in der Innenstadtgegend profitieren. »Wir glauben zu 1000 Prozent an die Zukunft der Innenstädte«, bekräftigte er im November, als er auf Einladung der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) zum Podiumsgespräch kam. Anfang 2019 lancierte er die Pläne, den wenige Tage vor Kriegsende von der SS größtenteils gesprengten Monumentalbau aus den 1920er Jahren wiederauferstehen zu lassen. Über 70 Meter in die Höhe ragten die zwei Türme des 1929 fertiggestellten Gebäudes. Damals war es mit 72.000 Quadratmetern auf sieben oberirdischen und zwei unterirdischen Geschossen das größte Warenhaus auf dem europäischen Kontinent. Der für die Genehmigung zuständige Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, regiert von einer linken Mehrheit unter Führung der Grünen mit Beteiligung von Linkspartei und SPD, war von dem Vorstoß überrascht.

»Die bauen auf Verdrängung, das ist das Signal«, sagt Niloufar Tajeri. Die Architektin und Anwohnerin ist mit der »Initiative Hermannplatz« eine der Wortführerinnen des Widerstands. »Das Gebäude schreit einem entgegen: Ich komme für eine andere Nachbarschaft.« Tatsächlich ist schwer vorstellbar, dass der aktuell rumpelige Charme und die Menschen, die ihn bevölkern, noch Platz haben in der von Benko imaginierten Zukunft. »König von Berlin« nannte die Tageszeitung Österreich René Benko im Dezember, als der Milliardär im Berliner KaDeWe Hof hielt. Er war bei der Neueröffnung der Schlemmer-Etage des Kaufhauses zugegen. Für viele West-Berliner, das muss man wissen, war das KaDeWe zu Mauerzeiten einer der Beweise, dass die Stadt trotz isolierter Lage Teil der westlichen Welt war. Eine Art Praline des »Schaufensters der freien Welt«, als die sich die »Insel im Roten Meer« immer gerierte. Für diese Menschen hat der obszöne Reichtum des Milliardärs Glanz.

»Rein von der architektonischen Symbolik ist der geplante Bau am Hermannplatz ein Monument seiner Macht«, sagt Aktivistin Tajeri. Bei seinem Auftritt bei der IHK widersprach Benko: »Es gab eigentlich noch nie die Zeit, wo ich das Bedürfnis hatte, Monumentalbauten zu bauen, um mein Ego oder anderes zu stützen.« Für Niloufar Tajeri fällt diese Aussage unter Understatement. »Wenn er es schafft, das zu realisieren, dann wird er Kaiser von Berlin genannt werden«, befürchtet sie.

Aufwertungstendenzen

Der Friedrichshain-Kreuzberger Bezirks-Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) wollte dem Spuk am Hermannplatz schon im August letzten Jahres ein Ende setzen. Es bestehe »kein Planerfordernis«, ließ er mitteilen. »Ich bedauere, dem Vorhabenträger keine besseren Nachrichten überbringen zu können«, erklärte er noch knapp. Schmidt, der bereits vor seinem Amtsantritt 2016 als stadtpolitischer Aktivist von sich reden machte, gilt inzwischen als Investorenschreck von Berlin.

Garniert war die Pressemitteilung der Absage mit einer dreiseitigen Stellungnahme des bezirklichen Stadtplanungsamtes. »Bedingt durch hohe zu erwartende Abriss- und Neubaukosten ist mit hohen Mieten zu rechnen. Die geplante Fassadenrekonstruktion ist nur noch eine Hülle für ansonsten austauschbare Nutzungen«, merkte die Behörde unter anderem an. Tatsächlich plant Signa keine Verdreifachung der Verkaufsfläche des Karstadt von derzeit rund 24.000 Quadratmetern. Stattdessen soll das Kaufhaus zwar erhalten bleiben, der Immobilienkonzern will in dem Klotz allerdings etwa 5000 Quadratmeter Gastronomie, über 11.000 Quadratmeter Hotelnutzung sowie fast 20.000 Quadratmeter Bürofläche unterbringen. Zuletzt machten auch Pläne für ein gewisses Kontingent an Sozialwohnungen die Runde.

Der derzeit auf dem Hermannplatz beinahe täglich stattfindende Markt soll nach den Vorstellungen von Signa in eine 3500 Quadratmeter große Halle im Komplex ziehen. »Dabei ist das noch einer der wenigen Märkte, die gut funktionieren, weil es Laufkundschaft gibt«, kritisiert Niloufar Tajeri. »Es gibt zum Beispiel einen Stand, da machen zwei Frauen Gözleme«, sagt sie. »Das ist doch schützenswert, weil das von den Leuten selbst initiiert ist. Nicht von Firmen, die sich das zusammenkuratieren.«

Es sei »fraglich«, ob der Markt mit dem Bau der Halle weiterbetrieben werden könne, urteilt das Friedrichshain-Kreuzberger Stadtplanungsamt. »Der Erhalt des qualitativ hochwertigen und für die Belebung und soziale Kontrolle des früher stärker von Kriminalität und Drogenmissbrauch geprägten Hermannplatzes bedeutsamen Marktes mit Schwerpunkt Nahversorgung ist auch weiterhin städtebauliches Ziel«, so das Amt. 

Auch das Neuköllner Stadtentwicklungsamt beschäftigte sich mit dem Vorhaben und kommt in einer internen Stellungnahme zu wenig günstigen Schlüssen. Es attestiert eine »in den Größenverhältnissen eher bedrohlich wirkende, sich nicht einfügende Kubatur« und mehr Parkdruck, weil das vorhandene Parkhaus abgerissen werden soll. Befürchtet wird ebenso eine »Sogwirkung« der Gastronomienutzung, welche die angrenzende Karl-Marx-Straße destabilisieren könnte. Die größte Sorge ist jedoch die Befeuerung der in der Gegend seit Jahren grassierenden Gentrifizierung. »Eine über dem Qualitätsschnitt der hier angrenzenden Bezirksbereiche liegende Hochwertigkeit und damit Hochpreisigkeit des Bauprojektes könnte das Umfeld ›adeln‹ und Aufwertungstendenzen verstärken, beispielsweise durch andere, zahlungskräftigere Wohnungsnachfrager, mit dem Ergebnis, dass es zu sozialen Spannungen mit der derzeitigen Bewohnerschaft und zu deren Verdrängung kommen könnte«, formuliert das Neuköllner Amt.

Im letzten Jahrzehnt sind nach Zahlen des Portals Immobilienscout24 die Neuvermietungsmieten für Wohnungen im angrenzenden Norden Neuköllns um 146 Prozent gestiegen. Das lässt sich sogar an der Bevölkerungsstatistik ablesen, die Einwohnerzahl sinkt seit einiger Zeit. Denn statt vielköpfiger migrantischer Familien ziehen Menschen mit mehr Geld nach. In Kreuzberg läuft es ähnlich.

Zurückgepfiffen

Das wären eigentlich Argumente genug für die Berliner Mitte-Links-Landesregierung aus SPD, Linkspartei und Grünen, die von Baustadtrat Florian Schmidt formulierte Absage an das Vorhaben zu unterstützen. Schließlich hat sie es sich auf die Fahnen geschrieben, den Mietenwahnsinn in der Stadt zu stoppen. Doch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) pfiff den Bezirk im September zurück. »Ich glaube nicht, dass es akzeptabel ist, dass einfach von heute auf morgen eine hohe dreistellige Millioneninvestition bei Karstadt am Hermannplatz vom Bezirksamt abgesagt wird. Das geht so nicht, um es mal ganz klar zu sagen«, erklärte er im Berliner Landesparlament, dem Abgeordnetenhaus. Auch sein Parteifreund, der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel, sprach sich wiederholt für eine Fortführung des Projekts aus. Und die Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop, vom bürgerlichen Realo-Flügel der Grünen, ließ sich zur Eröffnung einer Ausstellung zur Geschichte des Karstadt zusammen mit Signa-Vertretern blicken und sprach sich dabei für das Projekt aus.

Investitionshindernis

»Wir haben mittlerweile mit dem Herrn Schmidt einen professionellen Austausch, nachdem er einmal vorgeprescht ist. Doch das machen Politiker wohl so«, konnte Benko daher süffisant verkünden. »Was bei uns nicht klappt, ist, dass man uns wie einen kleineren Projektentwickler in finanzielle Probleme bringt. Wir können auch etwas zehn Jahre liegenlassen«, machte er deutlich. Signa werde »am Berliner Hermannplatz etwas Schönes bauen und nicht die alte Immobilie so stehenlassen, wie sie ist.« Tief blicken ließ Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der Berliner IHK, als er Florian Schmidt als »ein Fleisch gewordenes Investitionshindernis« bezeichnete. Obwohl der Bezirk unvermindert gegen das Projekt ist, laufen auf Senatsebene die Gespräche weiter. »Ich finde es schwierig, dass weiterverhandelt wird zwischen Signa und dem Landesdenkmalamt. Dann kriege ich von dort die Nachricht, dass der alte Teil stehenbleibt. Das suggeriert, dass der Rest nicht bleibt«, berichtete Schmidt im Februar.

In der City West hat Benko bereits Ende 2018 eine Niederlage erlitten. »Die Maßstäblichkeit des Projekts ist im städtischen Kontext nicht stimmig und die städtebauliche Idee ist noch nicht überzeugend«, urteilte das im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung eingesetzte Baukollegium über das Vorhaben, auf dem Grundstück eines Karstadt-Kaufhauses am Kurfürstendamm unter anderem drei Hochhäuser neu zu bauen. Bisher sollte dort ohne Hochhäuser ein neues Einkaufszentrum mit fast 120.000 Quadratmeter Fläche entstehen. Mit der Neuplanung, Signa glaubt nicht mehr an Malls, sollte die Geschossfläche um noch einmal die Hälfte wachsen. Benko hält dennoch an dem Vorhaben fest. Man sei dabei, die Pläne abzustimmen. »Wie hoch die Häuser dann letztlich werden und wie viele Türme es geben wird, müssen wir klären«, erklärte Benko bei der IHK.

Strippen ziehen

Der Immobilienmilliardär poltert nicht wie manch anderer Projektentwickler, er zieht Strippen. Um die Widerstände zu brechen, oder wie es so schön heißt, »miteinander im Gespräch zu bleiben«, bearbeitet die PR-Agentur des ehemaligen deutschen Außenministers Joschka Fischer, einem Grünen-Mitglied, die Gegner des Projekts. Über die Agentur haben sich Signa-Vertreter selbst zu einem Treffen des Kreuzberger Ortsverbandes der Linkspartei eingeladen. Dieser wendet sich, wie die Neuköllner Genossen, vehement gegen den Abriss des Bestandsgebäudes.

»Da wird Socialwashing und Greenwashing betrieben«, sagt Niloufar Tajeri über das Vorgehen von Signa. So erhält die Sozialgenossenschaft Karuna Erlöse aus dem Verkauf von Postkarten mit historischen Ansichten des Karstadt am Hermannplatz. Durch den bisher vor allem als Parkplatz genutzten Innenhof des Kaufhauses wurde ein Fahrradweg gelegt, ein Container beherbergt eine Fahrradwerkstatt. Außerdem wurde in einem weiteren, holzverkleideten Container die HRMNNBOX, ein Bobocafé, das als Dialogplattform dienen soll, installiert. »Das Projekt-Team ist jung, sympathisch, kreativ. Sie nehmen sich Formate aus der Initiativen- und Kunstszene und verwerten sie, zum Beispiel Urban Gardening, Fahrradwerkstätten, aus Paletten gebaute Möbel und so weiter. Das ist Kapitalismus mit menschlichem Antlitz«, so Tajeri. Beim Thema Verkehrswende hätte die Signa-Gruppe schon ihren Fuß drin, die Quartiersentwicklung werde folgen. »Die Verkehrswende ist ein Thema der Grünen, die Platzgestaltung findet die SPD ganz toll. Da sind wir schon mitten im Prozess der Manipulation«, attestiert sie.

»Die SPD Neukölln setzt sich konsequent für das Projekt ein. Die wollen die unerwünschten Personengruppen vom Hermannplatz wegräumen, um ihn so umgestalten zu können, dass er für Mittel- und Oberschicht ansehnlich wird«, glaubt die Aktivistin. »Dann müssen wir uns fragen, was das für einen total migrantisch geprägten Bezirk bedeutet, in dem die Migranten keine Stimme haben.« Dabei gehe es doch um die Selbstbestimmung der Nachbarschaft. »Es muss doch über der Wirtschaftsentwicklung stehen, dass die Menschen weiter im Quartier leben können«, ist für sie klar. So viele Menschen seien schon verdrängt worden. »Das muss gestoppt werden.«

Signa agiere auch mit der Beauftragung des Stararchitekten David Chipperfield geschickt, räumt die Aktivistin ein. »Das ist ein echter Trick mit der Rekonstruktion. Sie tun so, als hätten sie sich mit dem Ort auseinandergesetzt, dabei befassen sie sich nicht mit der Geschichte des Ortes, sondern nehmen ein Bild von vor 100 Jahren.« Und natürlich diene die Fassade, die so in Fritz Langs Film Metropolis hätte auftauchen können, der Verwertung. »Es geht darum, eine Ikone zu schaffen, die von den Menschen auf Fotos in den sozialen Medien verbreitet wird«, sagt Tajeri. »Das Gebäude ist eigentlich 3D-Werbung und sein Hofarchitekt Chipperfield gibt dem auch noch einen Mehrwert.«

Den Kampf hat die »Initiative Hermannplatz« noch lange nicht aufgegeben. Sie läuft sich eher warm. »Wir hatten im November eine große Kiezversammlung mit 150 Menschen aus der Nachbarschaft organisiert. Es war eine überwältigende Resonanz«, berichtet Tajeri. In den letzten Wochen sei die Unterstützerinnenzahl weiter in die Höhe geschnellt. »Wir müssen oftmals nicht viel erklären, die Leute wissen sofort Bescheid, worum es geht.« Regelmäßig organisieren sie einen Infostand auf dem Hermannplatz. Tajeri sagt: »Mal sehen, wie entspannt die Signa sein wird, wenn wir in fünf Jahren immer noch dastehen und protestieren«.

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