N°3POLITIK | 01.03.21

Schlecht verteilt

Die exorbitante Vermögenskonzentration in den Händen einiger weniger bedroht Demokratie, Freiheit und Teilhabe. Mit Vermögenssteuern allein wird man dem Problem nicht beikommen.

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VON TOBIAS BOOS UND MATTHIAS SCHNETZER

ILLUSTRATION: LEA BERNDORFER

Tobias Boos ist Universitätsassistent am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien; Matthias Schnetzer ist als Wirtschaftswissenschafter in der Arbeiterkammer Wien tätig.


Rund 540.000.000.000 Dollar. Laut Berechnungen der Nichtregierungsorganisation Oxfam ist das Vermögen der reichsten zehn Männer der Welt im Verlauf der Corona-Pandemie um rund 540 Milliarden Dollar angewachsen. Die Gesundheitskrise hat die globalen Produktions- und Austauschverhältnisse außer Gefecht gesetzt, Abermillionen Menschen werden noch Jahre oder gar Jahrzehnte die Auswirkungen spüren. Die Vermögenden allerdings konnten ihren Reichtum vermehren. Oxfam bezeichnet Covid-19 daher als Ungleichheitsvirus und widerspricht damit der historischen These des österreichischen Stanford-Professors Walter Scheidel in The Great Leveler, wonach Pandemien in der Menschheitsgeschichte Ungleichheiten nivelliert hätten. Noch fehlen belastbare Daten, aber es zeichnet sich ab, dass diese Pandemie wie ein Brennglas auf bereits bestehende soziale Ungleichheiten wirkt und die multiplen Schieflagen des Wirtschaftssystems noch deutlicher zum Vorschein bringt.

Dass die exorbitante Vermögenskonzentration schon vor Corona die Narrative marktwirtschaftlich dominierter Industriestaaten aushöhlte, etwa die meritokratische Gesellschaftsordnung, die soziale Aufwärtsmobilität oder die demokratische Entscheidungsfindung, findet in einer steigenden Zahl populärwissenschaftlicher Publikationen empirische Fundierung. Auch die Wirtschaftswissenschaft, einmal mehr Nachzüglerin der Sozialwissenschaften, nimmt die der kapitalistischen Produktionsweise inhärente Vermögensungleichheit zunehmend als systemische Bedrohung wahr. Der ehemalige Weltbank-Ökonom Branko Milanović warnt in Die ungleiche Welt vor einer globalen Plutokratie, Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sieht in Der Preis des Profits die Demokratie gefährdet, der Star der Verteilungsforschung Thomas Piketty kritisiert in Kapital und Ideologie die Verflechtung von Eigentums- und politischen Verhältnissen. Mehr und mehr erkennt man in der Symbiose von Reichtum und Macht eine Bedrohung der Versprechen kapitalistischer Gesellschaften: Demokratie, Freiheit, Teilhabe.

Nun sind diese Versprechen in einer von Klassengegensätzen durchzogenen Gesellschaft meist nur potemkinsche Fassaden. Allerdings treten die Einflusskanäle von Reichen heute offener zutage als in der von Sozialpartnerschaft und Korporatismus geprägten Ära des Fordismus. Oft sind die Versuche politischer Beeinflussung durch Reiche unmissverständlich, etwa bei üppigen Parteispenden, Lobbyismus, Gründungen eigener Parteien oder dem Finanzieren von Denkfabriken, die den Partikularinteressen ein unabhängiges, wissenschaftliches Antlitz verleihen sollen. Möglichkeiten für eine subtilere Einflussnahme mit dem Ziel der Absicherung von sozialen und ökonomischen Vorteilen bieten etwa die Kommodifizierung von Bildung, das Privateigentum an Massenmedien oder der Aufbau von Interessenverbänden. Die wissenschaftlich, journalistisch und teils juristisch belegte Mobilisierung großer Vermögen zur Einflussnahme zeigt, dass »Macht« an der Spitze der Funktionspyramide von privaten Vermögen steht. Und diese ist, wie der Reichtum selbst, in wenigen Händen konzentriert.


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