N°10 | POLITIK | 01.10.21

Sie nannten sich die 99 Prozent

Im Oktober 2011 besetzten Tausende Menschen einen Park in der New Yorker Wall Street. Die Protestbewegung Occupy erlangte weltweit Aufmerksamkeit. Zehn Jahre später hört man nichts mehr von ihr. Scheiterte die Bewegung an sich selbst? 

________________________

VON RODRIGO NUNES

Rodrigo Nunes ist Professor für moderne und zeitgenössische Philosophie an der Päpstlichen Katholischen Universität von Rio de Janeiro, Brasilien. Sein jüngstes Buch Neither Vertical Nor Horizontal: A Theory of Political Organisation ist soeben bei Verso erschienen.

Aus dem Englischen von Lisa Kreutzer und Jana Volkmann.

Illustration: Lea Berndorfer

Sie wollten dem globalen Kapitalismus den Kampf ansagen. Sie nutzten neue Formen der Massenorganisationen, setzten auf soziale Medien. Sie wurden von jungen Menschen mit wenig politischer Vorerfahrung geleitet, darunter viele »Uniabsolventen ohne Zukunft«, wie sie der Journalist Paul Mason nannte. Sie beklagten den Mangel an demokratischer Verantwortlichkeit und die Tatsache, dass Regierungen sich zunehmend nach den Interessen kleiner wirtschaftlicher Eliten richteten. Sie taten all das vor dem Hintergrund des globalen Wirtschaftsabschwungs nach 2008; und wegen des Gefühls, dass 99 Prozent der Weltbevölkerung die Folgen der Krise schultern mussten, während das eine Prozent, das sie verursacht hat, ohne Konsequenzen davonkam. Sie nannten sich Occupy.

Zentral für die Entwicklung von Occupy war der Oktober 2011. Etwa tausend Aktivistinnen und Aktivisten besetzten einen Platz im New Yorker Finanzdistrikt, den in Privatbesitz befindlichen Zuccotti Park. Sie trugen die Proteste ins symbolische Hauptquartier des globalen Kapitalismus. Proteste, die bereits Ende 2010 in Tunesien ihren Anfang genommen und sich in Nordafrika, dem Nahen Osten, Spanien und Griechenland verbreitet hatten. 

Wiederentdeckte Ideen

Damals betonten sowohl die überrumpelten Medien als auch die Protestierenden, wie neuartig dieses »Movement of the Squares« sei: Es gab weder Anführerinnen noch Hierarchien, stattdessen organisierte man sich über Facebook und Twitter oder auf großen Versammlungen, bei denen alle mitreden konnten. Ganz so einfach lagen die Dinge jedoch nicht. Die Generation von 2011 hat, oft ohne es zu merken, Ideen der gut zehn Jahre älteren globalisierungskritischen Bewegungen wiederentdeckt – nicht zuletzt das allgegenwärtige Schlagwort des Horizontalismus, der politischen Entscheidungsfindung auf Augenhöhe, im Gegensatz zu hierarchischen Modellen. Der Grenzen, an die jene Ideen in der Vergangenheit gestoßen waren, schien man sich nicht bewusst. Noch dazu war die »spontane Philosophie« dieser Bewegung in vielerlei Hinsicht das unbewusste Erbe nicht aufgearbeiteter Traumata und Sackgassen des 20. Jahrhunderts: instinktiv skeptisch gegenüber dauerhaften Strukturen, misstrauisch gegen Begriffe wie »Disziplin« und »Organisation«, zaghaft mit konkreten strategischen Beschlüssen, um ja keine anderen Positionen auszuschließen oder sich Möglichkeiten zu verschließen. Infolgedessen waren die Protestierenden oft außerstande, auf neue Entwicklungen zu reagieren, gebeutelt vom permanenten Scheitern an den extrem hohen Ansprüchen an Inklusion und Teilhabe. Und sie wollten nicht wahrhaben, dass ihr Funktionieren von eben jenen Dingen abhing, die sie im öffentlichen Diskurs anprangerten, etwa informellen Anführerinnen und Strukturen. 

Nachdem die Protestwelle von der Wall Street bis nach Oakland über die USA hinweggefegt war, rollte sie weiter um die Welt und erreichte in den folgenden Jahren unter anderem Mexiko, die Türkei und Frankreich. In Tunesien und Ägypten haben die Demonstrierenden ihr unmittelbares Ziel erreicht, den Sturz der Regierungen. An einigen Orten, etwa Libyen und Syrien, entzündeten sich blutige Bürgerkriege an diesem ersten Funken. Anderswo, etwa in Brasilien, wurde die Politik in die entgegengesetzte Richtung der Ziele der Bewegung gelenkt. In den Vereinigten Staaten schien Occupy zu bröckeln, noch ehe die letzten Camps geräumt wurden. Die Leichtigkeit, mit der diese Bewegungen getilgt wurden, deutete darauf hin, dass sie nicht allzu tief in der Gesellschaft verwurzelt waren. 

Dieses begrenzte Durchhaltevermögen war vielen Beweis genug dafür, dass der »Horizontalismus« an sein Ende gelangt und es an der Zeit war, die »vertikale« Dimension der Politik neu zu entdecken: Parteien organisieren, zu Wahlen antreten, Repräsentanz gewinnen, Politik bestimmen. Diese Meinung schien dadurch bestätigt zu werden, dass weite Teile der Generation von 2011 in Ländern wie Spanien (mit Podemos und den kommunalen confluencias), Großbritannien (mit der Labour Party unter Jeremy Corbyn) und den Vereinigten Staaten (mit Bernie Sanders und später der »Squad« sowie Kandidaturen auf kommunaler Ebene) eine unerwartete Wende in die Wahlpolitik genommen hatte. 

Zwischen Bewegungs- und Wahlpolitik

Doch es ist komplizierter. Aus den Niederlagen des staatszentrierten Modells der Sowjetunion und der Sozialdemokratie einerseits und aus der Erfolglosigkeit der Strategien sozialer Bewegungen im Anschluss an 1968 andererseits ging nicht bloß eine Linke hervor, die melancholisch an ihren »Leidenschaften und Gründen« sowie ihren »Analysen und Überzeugungen« festhielt, wie es Wendy Brown schon 1999 formulierte. Vielmehr entstanden zwei Gattungen der Linken. Festgefahren in ihrer Opposition zueinander, stets bereit, die Schuld der anderen Seite in die Schuhe zu schieben, hielten sie an ihren Entweder-oder-Mustern fest: horizontal oder vertikal, Diversität oder Einheit, Zentralisierung oder Dezentralisierung, Mikropolitik oder Makropolitik. Das hat sie davor bewahrt, die eigenen Grundsätze hinterfragen zu müssen – lieber scheitern sie wieder und wieder an den gleichen Dingen, anstatt einzusehen, dass sie die verschiedenen Arten, Politik zu betreiben, unter einen Hut bringen müssen.


WÖRTER: 2903

LESEZEIT: 16 MINUTEN

Lesen Sie diesen Artikel jetzt weiter: