N°12/1REZENSIONEN | 30.11.20

Das Romantische und das Reale

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VON JANA VOLKMANN
Richard Schuberth
BUS NACH BINGÖL
Drava, 2020, 280 Seiten
EUR 21,00 (AT), EUR 21,00 (DE),
CHF 29,90 (CH)

Der Topos des Zurückkehrens an den Ort der Herkunft ist beileibe nicht neu, zuletzt hat Deniz Ohde in ihrem Debütroman Streulicht (Suhrkamp) eine besonders eindrucksvolle und atmosphärisch herausragende Variante davon beschrieben. Oft gewinnen solche Narrative ihren Schrecken dadurch, dass die heimkehrende Person eine Umgebung auffindet, die mit der Erinnerung noch beinah deckungsgleich ist und die Vergangenheit, von der sie sich unter größten bildungsromanhaften Qualen gelöst hat, konserviert. Die Angst vor dem Bekannten.

Richard Schuberths Protagonist, Ahmet Arslan, läuft nicht Gefahr, den Ort seiner Herkunft unverändert vorzufinden. Er kehrt nach zwanzig Jahren zurück in »sein« Dorf, nach Holike in der ostanatolischen Provinz Dersim. In der Türkei als Widerstandskämpfer gefoltert und verfolgt, ist Ahmet Arslan nach Wien gekommen, hat dort Politikwissenschaften studiert und im Kaffeehaus herumphilosophiert. Stets mit einer Mischung aus Geringschätzung und aufrichtiger Freundschaft für seine als linksliberal eingestuften Weggefährtinnen im österreichischen Exil, die von seiner »handgepflückte[n], linksdrehende[n], naturtrübe[n], kurdische[n] Identität« allzu leicht beeindruckt sind. Doch was bleibt vom Widerstand, wenn man dem Ort, wo er sich manifestiert, fernbleiben muss? Ahmet ist eine Figur von fragmentierter, oder vielleicht: pluralistischer Identität. Er weiß, dass es nicht bloß ein Dersim gibt, sondern zwei: »das romantische und das reale«. Ähnlich verhält es sich mit ihm selbst, der sich als ein Missing Link zwischen Liboşlar, Liberalen also, und »Bauernterroristen« empfindet, als würde er bis in alle Ewigkeit auf der Schwelle zwischen zwei Räumen stehen.

Erst einmal muss Ahmet überhaupt nach Dersim kommen. Die Busfahrt, mit der Schuberth seinen Roman beginnt, führt durch ein gespaltenes Land. Die Passagiere bilden ein Panorama der »neuen« Türkei und ihrer Konflikte ab. Der Roman spielt 2008, Erdoğans zweites Kabinett hat gerade die Arbeit aufgenommen, die Proteste gegen seine Regierung auf dem Taksim-Platz liegen noch Jahre in der Zukunft. Eine große Leerstelle in Schuberths Roman ist hingegen Ahmets Zeit in Wien. Wie es dazu kommt, dass der Protagonist des Romans, der als Teil eines ländlichen »Lumpenproletariats« in Armut aufgewachsen ist, nahezu mühelos die »Vorzüge einer Sozialdemokratie« genießt und eine beachtliche akademische Laufbahn einschlägt, lässt einige Fragen offen, stattdessen konzentriert Bus nach Bingöl sich ganz auf Ahmets Rückkehr nach Dersim.

Schuberth schreibt für ein Publikum, das man über die kurdische Geschichte und Gegenwart erst aufklären muss, und das tut er auch – in einer Prosa, die manchmal ins Didaktische hinabgleitet, etwa wenn er über die verschiedenen kurdischen Sprachen referiert. 

Dem gegenüber stehen Passagen, die eine unheimliche Atmosphäre evozieren, in denen also sein Erzählen die dokumentarisch-faktischen Leitplanke durchbricht und sich ins Offene wagt. Etwa wenn er von einem hexenhaft weisen Mädchen erzählt, dem Ahmet in Dersim begegnet und das ihn noch lange wie ein Gespenst heimsuchen wird. Die feine Linie zwischen Leben und Tod ist – neben den Demarkationslinien zwischen türkischer und kurdischer Identität, Wien und Dersim, Stadt und Land – zentral in Schuberths Roman. Im Laderaum des Busses nach Bingöl ist ein Sarg verstaut; Mord- und Selbstmordfantasien lösen sich in der Dämmerung auf, die vor den Fenstern auf die Bergkämme steigt.