N°12/1REZENSIONEN | 30.11.20

Der integre Revolutionär

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VON JENS KASTNER
Francisco Álvarez
DURRUTI
Die neue Welt in unseren Herzen
Aus dem Spanischen von Manfred Gmeiner
Bahoe Books, 2020, 250 Seiten
EUR 19,00 (AT), EUR 19,00 (DE),
CHF 26,19 (CH)

Warum die französische Journalistin mit dem spanischen Vornamen Libertad sich Mitte der 1980er Jahre eigentlich für den Tod Buenaventura Durrutis interessiert, erfährt man erst am Schluss. Der Anarchist Durruti (1896–1936) war noch während der Spanischen Revolution im November 1936 auf bis heute nicht ganz geklärte Weise ums Leben gekommen. Er war eine der schillernden Gestalten im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939), in dem die Anhängerinnen der mächtigen anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT aufseiten der Republik gegen die Putschisten unter General Franco kämpften. Auch einem deutschsprachigen Publikum ist er durch Hans-Magnus Enzensbergers Doku-Biografie Der kurze Sommer der Anarchie (1972) bekannt geworden. Innerhalb der Linken war die Biografie Durruti. Leben und Tode des spanischen Anarchisten (1994) von Abel Paz, der als Jugendlicher selbst an den Kämpfen im revolutionären Barcelona beteiligt war, ein viel gelesener Wälzer.

Man muss sich also fragen, was der nun im Wiener Verlag Bahoe Books erschienene Roman von Francisco Álvarez Durruti. Eine Welt in unseren Herzen über die von Abel Paz und Enzensberger geschriebenen Lebensgeschichten hinaus zu bieten hat. Denn auch bei Álvarez ist Durruti der durch und durch moralisch integre Anarchosyndikalist, der überredet werden muss, sich selbst einen Mantel zu kaufen, weil das Geld ja in der Gewerkschaftskasse besser aufgehoben wäre. Durruti ist auch hier der sympathische Revolutionär, der einem Bettler seine Pistole in die Hand drückt und ihm rät, lieber eine Bank auszurauben, anstatt sich durchs Betteln dermaßen zu entwürdigen. Und auch bei Álvarez ist zu lesen, wie konsequent Durruti für die herrschaftslose Gesellschaft eintritt. Als »Chef der Anarchisten« will er sich nicht bezeichnen lassen, der zunehmende Ruhm ist ihm unangenehm. Am Trauerzug nach seinem Tod nahmen im November 1936 rund eine halbe Million Menschen teil. Als Durruti im Bürgerkrieg vier Milizionäre seiner Kolonne trifft, die ihren Wachposten verlassen haben, um einen trinken zu gehen, weil an der Front eh nichts los war, verlangt Durruti von ihnen, ihre Gewerkschaftsausweise abzugeben und schickt sie nach Hause.

Dennoch ist die Antwort auf die Frage, was das Buch von Álvarez gegenüber den anderen Durruti-Erzählungen leisten kann, recht einfach: Es erzählt eine gut geschriebene, packend zu lesende Geschichte. Es gelingt Álvarez, alle zentralen Konflikte, die für eine Figur wie Durruti kennzeichnend waren, ohne allzu didaktische Formulierungen nachzuzeichnen. Nur hin und wieder sprechen die Protagonisten Dinge aus, die sich in ihrem wirklichen Leben wohl von selbst verstanden hätten, die aber den Leserinnen die notwendige Orientierung zu den historischen Fakten vermitteln. Die zentralen Konflikte, in die Durruti involviert war, werden behutsam in die Story eingebunden: etwa die Auseinandersetzung innerhalb des Anarchismus zwischen der dauermobilisierenden Guerilla-Fraktion um Durruti und den Vertretern einer Institutionalisierung der Revolution; zwischen der katalanischen Autonomie-Regierung und der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft, die de facto mächtiger war als erstere; und selbstverständlich die Kämpfe zwischen Libertären und stalinistischem Parteikommunismus.Die französische Journalistin, Heldin der Rahmenhandlung, trifft einen kommunistischen Spanienkämpfer in Moskau, sie sucht auch Durrutis über achtzigjährige Lebensgefährtin, die Anarchistin Émilienne Morin, und deren Tochter in der Bretagne auf. Das ist die Zeit, Mitte der 80er Jahre, als in Deutschland der im letzten Jahr verstorbene und für seine Sprachgewalt gefeierte konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza noch behauptet hatte, der »sog. freiheitliche, demokratische oder libertäre Sozialismus«, für den Durruti eintrat, stünde im Dienste der kapitalistischen »Mehrwertegemeinschaft«. Gegenüber dieser Art verzerrender innerlinker Geschichtspolitik ist der Roman ein ebenso lohnenswertes Korrektiv, wie er dazu beiträgt, die radikalen Ansprüche auf eine gerechte Welt vor dem Vergessen zu bewahren.